Otto Roeld, ›Malenski auf der Tour‹


Otto Roeld ›Malenski auf der Tour‹ (erschienen bei Erich Reiß in Berlin). Haben Sie ein Mitglied des ›Verbandes Reisender Kaufleute‹ unter Ihren Bekannten? Schenken Sie ihm das. Er wird natürlich sagen, es sei in Wirklichkeit alles ganz, aber ganz anders, denn der Kaufmann muß erst geboren werden, der zugibt, dass auch er zu schildern sei ... es sei denn, dass man seinem Betriebe schmeichelt und vom ›Primat der Wirtschaft‹ spricht. Nun also zu Herrn Malenski, einem Bruder Gustav Hänflings (im Insel-Verlag). Eine sorgfältig ausgepinselte Idylle, ein bißchen Biedermeier: ein Kaufmann, auf Porzellan gemalt.

»Ja, er ist nicht wie andere Geschäftsreisende. Zwar stiegen Zweifel auf: – dieses ›Anderssein als die andern‹, das bildet sich jeder ein – nicht nur Geschäftsreisende – auch Beamte und Künstler, jeder glaubt, über der eigenen Situation zu stehen und im geheimen wertvoller zu sein, als seine Kollegen ... «

Zu Hause stehen bei mir die Tatsachenromane bis an die Decke – ich kann das Zeug schon gar nicht mehr sehen. Warum kann ich dieses kleine Buch Roelds, das gewiß nicht, wie da angegeben steht, ein Roman ist, sondern eine kleine Geschichte ... warum kann ich das auf einen Sitz zu Ende lesen? Weil der Mann den Ton hat; weil er die Kraft hat; weil er zwingt. Die Technik ist ein bißchen naiv, die Atmosphäre der großen Geschäfte ist nicht darin, aber die meisten Geschäfte auf der Welt sind recht klein – das Ganze ist gewiß kein schwerer Burgunder, aber der höchst gute Jahrgang eines bekömmlichen Apfelweins. Viele, viele kleine Einzelzüge, auf die es bei jedem Kunstwerk ankommt:

Der alte Reisende, der sich die Orderbücher aus den Tagen seines Glanzes aufgehoben hat; die Schilderung der einzelnen Kollegen, eine ausgesuchte Musterkollektion; die Reisenden-Späße ... und dann eine kleine Szene, wie Malenski zwar im gewohnten Zug sitzt, aber nicht, um zu reisen, sondern nur, um zu reisen: er hat nämlich seine junge Frau bei sich und ist auf der Hochzeitsreise. Und da spricht ihn Herr Löwenbein an. Karten spielen? Nein, heute spielt Malenski nicht Karten. »Adele: ich stelle dir hier meinen Kollegen Herrn Löwenbein vor.« – »Ah, da gratuliere ich ... « und wie Löwenbein nun loslegt, das ist mit dem Ohr gestohlen. Zum Beispiel so: »Also verheiratet!« – Löwenbein neigt liebevoll lächelnd den Kopf zur Seite. – »Was ist eine Heirat? Ein Lotteriespiel! Was ist die Grundlage für eine gute Ehe? – der Charakter des Menschen! Ein Hustenbonbon gefällig, gnädige Frau? Seit langem leide ich an Verschleimungen. Alles habe ich schon versucht, nichts hat ... « man lese das nach – es ist wirklich schön. Das ist ein lustiges, ein harmlos lustiges und ganz leise ein melancholisches Buch.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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