Noch immer ...


Der aus Asien zurückgekehrte Auslandsdeutsche sagt: »Wie traulich mich das alles anspricht! Nichts hat sich bei euch verändert! Noch immer fahren in Berlin die elektrischen Bahnen, dass man denkt: jeden Moment rührt sie ein Schlagfluß, und nun bleiben sie ganz und gar stehen. Noch immer wimmelt es von Tafeln und Schildern, die den Mitbürger darauf hinweisen, dass dieses Gefäß ein Spucknapf und kein Alligator sei, und dass es verboten ist, etwas zu tun, und die begründen, warum es verboten ist, und die erzählen, wer und mit wessen Genehmigung er es verbiete ... Noch immer hört einen Schritt hinter der Schwelle der Polizeibureaux die Menschenwürde auf, und der Mensch wird Laus schlechthin. Noch immer beginnt die Amtstätigkeit aller Ämter erst beim zweitenmal, nach der Melodie: ›Da müssen Sie erst ... ‹ Noch immer sind die Herren, die im Kriege ›Kerls‹ waren, auf den Straßen, auf den Plattformen der Bahnen, in den Geschäften so von Offensivgeist getränkt, daß man glaubt, jeden Augenblick werde unter diesen Helden eine Schlacht ausbrechen. Noch immer singen die Kinder in den Schulen die alten dummen Lieder. Noch immer verderben in schlechtgelüfteten Hallen halbwüchsige Jungen ihren Leib mit turnerischen Übungen, die das Gegenteil von gutem Sport darstellen. Noch immer tut jeder Deutsche so, als ob sein Beruf der Weltangelpunkt sei, ohne den der kosmische Mechanismus nicht zu denken sei. Solche Furcht haben sie um ihre Pension. Noch immer hat jede Kaste – ihr nennt das Stand – ihren kleinen Privatvogel, den sie vergnügt flattern läßt. Noch immer besteht der Hauptstolz eurer Männer, nicht: etwas wert zu sein – sondern: mehr wert zu sein als die andern. Noch immer ... «

Ich sagte: »Lieber Freund! Warum sollte sich hier etwas geändert haben!«

Er sagte: »Die Leute waren im Krieg. Sie haben halb Europa gesehen!«

Ich sagte: »Sie haben gar nichts gesehen als sich selber.«

Er sagte: »Die Revolution.«

Ich sagte: »Gewiß. Gegen eine Revision der Menschheitsrechte und der Verfassung hat der Deutsche nichts. Aber in den Gemeinden darf nichts geändert werden.«

»Soll ich«, fragte der Auslandsdeutsche, »also wieder nach Asien –? Aber da ist der unterbietende Kaufmann, der kegelnde Verwaltungsbeamte und der deutsche Club, dass Gott erbarm. Wo – wo ist er nun, der gute Deutsche?«

»In den Büchern«, sagte ich. »In den Büchern.«

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 16.06.1921, Nr. 24, S. 664.





 © textlog.de 2004-2017 •
Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright