Bülow


Bei schwerem Erdbeben und leichten südöstlichen Winden fuhr ich am 13. Juli ins Hauptquartier. Ich kam direkt von Hamburg, als ich nach guter und bequemer Fahrt vor dem Hauptquartier, einem häßlichen Bau aus dem siebzehnten Jahrhundert, ausstieg. Ich sah Plessen, besichtigte einen grade dort haltenden Verwundetenzug, und nachdem ich auch die jüdischen Verwundeten begrüßt hatte, trat ich ins Schloß.

Die Beratungen fanden wegen der Fliegergefahr, die der Kaiser sehr fürchtete, im Keller statt. Der Kaiser sah gealtert aus, streckte, als er mich sah, seinen verkürzten Arm aus, und ich begrüßte meinen kaiserlichen Herrn mit allem schuldigen Respekt. Dann begann der Kriegsrat.

Der Kaiser wollte, wozu ich ihm schon oft, je nach der Witterung, zu- und abgeraten hatte, Panama annektieren, ein Plan, wie ihn die glorreiche Republik des sehr verständigen Landesverräters Ebert leider niemals gefaßt hätte. Ich wies meinen kaiserlichen Herrn, dessen notorischer Schwachsinn keinem meiner Nachfolger aufgefallen ist, fest, aber fein darauf hin, dass der Endsieg ja für jeden Kenner feststehe, wenn man auch noch nicht wisse, wem er zufallen würde, dass aber die Annexion eines so kleinen Staates den Siegeswillen der Entente stärken könnte. Ich fügte hinzu:

»Quando conveniunt, ancilla, Sybilla, Camilla«,

das Zitat paßte zwar nicht ganz her, machte aber auf alle Anwesenden einen tiefen Eindruck. Nur der gute Tirpitz meinte, Nostiz habe Radowitz nichts davon gesagt, dass Lyskow Plessen davon Mitteilung gemacht habe, dieser habe jenem keine Mitteilung zugehn lassen. Tirpitz hat es mit der Wahrheit nie sehr genau genommen, sowie auch mit großem Geschick den Marine-Etat im Reichstag vertreten. Es stand nicht gut um Deutschland, das fühlte in dem mit verblichenen samtgrünen Portieren ausgestatteten Raum jeder einzelne. Der gute Mackensen, dessen Großtante den Schwippschwager einer dem König von Macedonien morganatisch angetrauten Lindequist (einer Gouvernante), geheiratet hat, sagte zu allem Ja und Amen; Ludendorff, dessen historische Größe ja für ewige Zeiten feststeht, irrte auch hier, und während sie nach dem Kriege alle in ihren Memoiren schrieben, wie sie das Unglück Deutschlands vorausgesehen hätten, wagte dennoch an jenem geschichtlichen Tage niemand etwas zu sagen.

Nur ich behielt den vollen Überblick und dachte mir:

»Bei Männern, welche Liebe fühlen,

fehlt auch ein gutes Herze nicht.«

Laut aber sagte ich:

»Long, long ago!«

Der Kaiser erwiderte auf diesen diplomatischen Hieb nichts, und wir wurden um ein Uhr zum Frühstück befohlen.

Draußen im Vestibül empfing ich den Berichterstatter der ›Neuen freien Presse‹, Paul Goldmann, der direkt aus Wien gekommen war, um mich zu sprechen. Goldmann war stets ein verständnisvoller und kluger Journalist, der nie mehr telegrafierte, als wir erfinden konnten, und er hat auch nie versucht, selbständig zu denken – das überließ er im Kriege den Generalen und im Frieden seinem Verleger. Wir sprachen viel über die berliner Theateraufführungen eines Herrn Steinhardt oder Reinhardt, und der gute Mackensen machte ersichtliche Anstrengungen, diesem Gespräch, das so ganz andre Kulturbegriffe als die militärischen zur Basis hatte, zu folgen.

Beim Frühstück wurde viel über die nicht ganz wünschenswerten Verpflegungsverhältnisse in der Heimat gesprochen. Es gab klare Bouillon, wie sie schon Heinrich XXIX. von Burgund so geliebt hatte, Seezunge nach Müllerin Art, Rumpfstück mit Geldmannstunke (Sauce à la financière) und süßen Auflauf. Die Weine waren recht gut, bis auf einen Malaga, den der gute Tirpitz für Portwein trank, was uns alle recht amüsierte. Der Kaiser war sehr aufgeräumt und klopfte mir, als ich mich verschluckt hatte, mehrere Male huldvoll auf den Rücken. Wir sprachen dann noch über die Munitionslieferungen, sonst aber war von Panama nicht die Rede. Übrigens begann um die gleiche Stunde, als wir das Frühstück einnahmen, ein gewaltiger Sturmangriff bei Verdun.

In meine Privatakten aber habe ich zum Andenken an diesen Tag die Verse notiert, die alle deutschen Staatsmänner zum Wahrspruch ihres verantwortungsvollen Berufs machen sollten:

Deutschland, Gott seis geklagt,

war auf schiefer Bahn.

Ich habs ja gleich gesagt –

aber nichts getan!

 

 

Kaspar Hauser

Die Weltbühne, 24.03.1931, Nr. 12, S. 426.





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