Max Adalbert


ist – was? Die reinste Inkarnation des neuen Berlinertums. Welch sprudelnde Hast! Welche Trockenheit! Welche Kodderschnauze!

Er ist eigentlich immer aggressiv und immer auf dem Sprunge, und seine schauspielerischen Mittel werden immer feiner und immer lustiger und immer verblüffender. Er braucht gar keine Pointen, er macht sich welche.

Zwei Augenblicke sind es besonders, die das Parkett jedesmal in ein Meer von Lachen verwandeln, in dem rettungslos alles ersäuft: seine Kräche und seine Bemerkungen à part. Das geht so vor sich. Er, Max Adalbert, der neue Urberliner aus Posen, verkracht sich mit wem. Dann nimmt er dessen Worte auf und jongliert zornig und hastig mit ihnen. »Gengans zue, Herr Schulze!« hat einmal eine Münchnerin zu ihm zu sagen, »seins doch stad!« Au backe! Gengans zue! »Sie! Vastehn Sie! Gengans zue! Ich werd Ihnen das mal zeigen, gengans zue! Ich schmeiß den Kerl raus, gengans zue!« Und kollert und tobt und kullert und rummelt – der Berliner auf der Elektrischen, das Schulbeispiel von Unsachlichkeit. Die Sache hat er längst vergessen, aber sein Mund spricht noch immer weiter und weiter. Oder er ist ein feiner Mann und arrangiert die kleinen Zufälligkeiten des Lebens hinter den Kulissen durch halb gemurmelte Bemerkungen zu seinen näheren Angehörigen. Ich habe noch nie einen Schauspieler gesehen, der in die hastig hervorgestoßenen Worte zu seiner Frau: »Geh weg!« eine solche Fülle von Heiterkeit hineinlegt wie dieser kesse Junge. Es ist die Komik Donat Herrnfelds: in Augenblicken der höchsten Spannung irgendeine kleine Äußerlichkeit heranzukriegen. Er ist das Tollste an Herz- und Gemütlosigkeit. Wenn die ganze Familie auf dem Kopf steht, hat er doch noch Zeit, ganz schnell seiner ehelich Angetrauten zuzuflüstern: »Geh ab, du siehst verboten aus!«, und der bleibt die Spucke stehn. Unvergeßlich der Ton, mit der er seiner Frau von ihrer verstorbenen Jugendfreundin vorschwärmte, die er zu heiraten leider zu unschlüssig gewesen sei ... Und auf ihren schüchternen Einwurf: »Na, laß man, du bist auch ganz komisch!« Das geht alles ganz schnell, hingehuscht, keine Zeit, keine Zeit: Berlin.

Und dazu Napoleonsblicke des kleinen Mannes, immer auf dem Posten, immer startbereit, immer mit einem Bein im Auto und mit dem andern im Telefon und mit dem dritten sonstwo. Nichts possierlicher als der Gegensatz des alten Berliners aus den Weißbierpossen und dieses Sohnes unsrer lieben Stadt. Und obgleich man sonst nichts von dem erzählen soll, was ein Schauspieler außerhalb seines Berufs tut – hier sei eine Ausnahme gemacht, weil der ganze Adalbert in der kleinen Geschichte sitzt. Als Hans Waßmann einmal grausam verrissen wurde, ganz besonders von der BZ, da hockte er im Bühnenklub und muckschte in einem Klubsessel und sprach kein Wort. Unfern von ihm saßen drei ernste Männer und spielten Skat, darunter auch Adalbert. Und obgleich sie genau wußten, was die einsame Träne bedeuten sollte, sprachen sie eine halbe Stunde kein Wort. Bis schließlich Adalbert, mit der Zigarre im Mund, hinüberwarf: »Na, Waßmann, wer lißt schon die BZ

Er ist immer quick und kregel und Gott erhalte ihn und uns diese Fröhlichkeit!

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 15.05.1919, Nr. 21, S. 576.





 © textlog.de 2004-2017 •
Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright