Maryse Choisy, ›Un mois chez les filles‹


Beschließen wir unsre heutige Bücherpredigt mit ›Un mois chez les filles‹ von Maryse Choisy (Éditions Montaigne, Paris, 13 Quai de Conti, Fernand Aubier). Es muß eine deutsche Ausgabe vorhanden sein – ich kenne sie aber nicht.

Tatbestand: Die Chiromantin des ›Intransigeant‹ ist in die Puffs gegangen. Erschrecken Sie nicht: nur der Wissenschaft halber. Und das hat sie so gemacht, dass sie sich dort als ›sous-maîtresse‹ verdungen hat ... das ist also so ein Zwischending zwischen Aufseherin und Dienstmädchen. Das könnte doch nun sehr gut sein; schade, dass E. E. Kisch nicht ... aber man soll nichts verschwören. Leider ist das Buch ein großer Schmarrn.

An Ehrlichkeit des Vokabulariums läßt es nichts zu wünschen übrig. Die Verfasserin – o Diotima! – sagt rechtens so: »Nichts ist mir so widerwärtig als: kleine Ferkeleien im Stil von Anatole France zu formulieren. Ich schreibe, ohne Zögern: merde, cul, sexe. Das sind klare Wörter, denen man den Vorzug geben soll, frei, mutig, – Wörter, die ein Bild wiedergeben, eben weil sie wenig gebräuchlich sind« (sie meint: im Schrift-Französisch). »Aber drucken zu lassen: ›Er vergnügte sich mit diesen winzigen, durchaus nicht unschuldigen Kleinigkeiten, mit denen ein Mann seine Frau zu befriedigen sucht‹, scheint mir feige Pornographie zu sein.« In Ordnung.

Was dann kommt, ist weniger in Ordnung.

So schön kann Frau Choisy gar nicht sein, als dass sie sich nun immerzu mit dem dreifach gedoppelten Ausruf: »Ich aber bin eine anständige Frau« zwischen uns und die Huren drängt. Was sind das für Mätzchen? Was das für welche sind? Kleinbürgerliche, wie sich aus ihren gradezu monströsen Anschauungen über die Prostitution ergibt. Eine Närrin, die nicht über ihr Arrondissement denken kann. Ich weiß schon: das sei der unbeirrbare Rationalismus der Franzosen. An den glaube ich – aber die Sache hat ihre Grenzen. Wirtschaftslagen sind nicht ewig, wie diese Bürger und Bürgerinnen glauben. Das ist nichtsnutzig, und es ist wertlos, so zu denken.

Dagegen sind Einzelheiten sehr gut, weil sie offenbar wahr sind.

Der Kerl, der sich ins Bordell einen Koffer mitbringt und sich dort in ein altes Brautkleid hüllt, ist ein schönes Exemplar aus einer Psychopathia sexualis, ein melancholisch-irrsinniges – das lohnt zu lesen. Und jene, die herunterkommt und Krach macht, weil ein englischer Kunde immer seine Zigarre raucht, wenn er sie liebt, und dann jene – das muß ich im Original hersetzen: Man kann es sehr gut übersetzen; aber man kann es nicht gut übersetzen.

Also: Es ist Sonnabend abend, das ganze Haus ist voll, Julie kommt von oben heruntergedonnert. »Was ist?« – »Ach, ach ... !« – »Na? Was ist los? Krank?« – »Ach, wenn es das wäre!« – »Also? Hat er nicht gezahlt?« – »Ach, wenn es bloß das wäre – Noch viel schlimmer – noch viel schlimmer!« – »Erzähl! Erzähl schnell! Los!«

– »Un michet (ein Kavalier) ... Je ne sais comment il s'y est pris. J'ai eu beau résister. Mais ce sacré cochon est parvenu à me faire jouir. C'est la première fois que ça m'arrive. Jamais je n'oserai regarder mon ami en face ce soir.«

Das ist nicht zu überbieten. An keiner andern Stelle dieser amüsanten und unzulänglichen Berichte kommt so klar heraus, was im tiefsten Grunde der französischen Prostitution steckt: die Bäuerin. Die Kleinbürgerin. Die rationale Frau.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 03.03.1931, Nr. 9, S. 321.





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