Der Mann mit den Spritzen


»Hören Sie mal, Panter«, sagte mein alter Freund Klosinski zu mir, »Sie waren noch gar nicht bei mir draußen, im Spritzenhaus. Ich erwarte Sie morgen nachmittag.«

Spritzenhaus –? dachte ich. Hat der Mann eine freiwillige Feuerwehr? Was mag das sein? Aber ich war doch neugierig und ging hin.

Professor Klosinski ist ein sehr gelehrtes Haus und einer der größten Chemotherapeuten der Zunft. Sein Laboratorium liegt weit draußen im Grünen, in der Mark, wo sie am stillsten und wo sie am sandigsten ist. Flach ist das Land, am Horizont immer derselbe braune Kiefernstrich, graue Chausseen und hier und da ein See, stilles Auge der Landschaft – aber was ist es mit Klosinski? Ich hin.

»Guten Tag, Herr Professor!« sagte ich.

»Mensch, Panter!« sagte er. »Endlich sehe ich Sie mal bei mir! Setzen Sie sich da in den Sessel, nein, in den nicht, auf dem hat Edison mal gesessen, der ist geweiht – ja, ich werde Ihnen also meinen Laden vorführen. Passen Sie auf!«

Ich paßte auf.

»Sie haben doch sicher schon von dem guten Grundsatz gehört: Zeit ist Geld!« – Ich konnte es nicht leugnen. »Nun sehen Sie, ich habe mir ausgerechnet, dass die Menschen viel zu viel Zeit mit den Wegen verlieren, um zum Ziel zu gelangen. Ich gebe Ihnen gleich das Ziel.«

»Mit den Wegen?« sagte ich. »Und: gleich das Ziel? Haben Sie ein neues Automobil konstruiert?«

»Papp!« sagte er. »Aber so etwas Ähnliches schon. Ihr verschwendet alle Zeit und Mühe, um einen Effekt zu erreichen – aber der Effekt entspricht meist gar nicht der aufgewendeten Arbeit. Das goldene Gesetz der Mechanik besteht, aber das Produkt von Zeit und Kraft verlohnt oft kaum der Mühe. Hier mußte eingeschritten werden.«

Ich bejahte höflich und nahm mir zur Belohnung eine wundervolle Zigarre.

»Wenn«, fuhr der erfindungsreiche Klosinski fort, »wir vergleichen, wie lange und intensiv sich einer abplagen muß, um richtig betrunken zu werden, wieviel Geld, Zeit und Ärger er an dieses Bestreben wendet, so komme ich zu dem Ergebnis, dass es die oberste Aufgabe der therapeutischen Wissenschaft sein muß, hier helfend einzugreifen.«

Ich lauschte gespannt. Das ging auch mich an.

»Ich habe nun zu diesem Behufe«, sagte der Professor, »eine Vorrichtung ersonnen, die es möglich macht, jedes gewünschte Ziel, ich will sagen, fast jedes, ohne Mühe und Kummer zu erreichen. Kommen Sie mit!«

Ich kam mit. Wir gingen durch weißgetünchte Gänge in den Park hinaus, unter dem grauen, märkischen Himmel hin, durch Alleen und an Gebüschen vorbei, zu einem kleinen Haus. In das traten wir ein.

»Hier ist Zimmer Nummer eins«, sagte der Professor und öffnete eine Tür, »hier werden diejenigen gespritzt, die sich betrinken wollen. Da kommt einer!«

Ein Wärter führte einen Mann herein, der unternehmungslustig den Hut schief in die Stirn gedrückt hatte, er war völlig nüchtern und blinzelte heiter. »Darf ich bitten«, sagte der Wärter. Der Mann setzte sich. Der Wärter holte aus einem brodelnden Kessel eine kleine Spritze, die er dem Professor reichte. Sie war mit einer wasserhellen Flüssigkeit gefüllt. Der Professor näherte sich dem Herrn Patienten, streifte dessen Ärmel am Handgelenk zurück und machte die Injektion.

Im Augenblick war der Mann knüppeldicke besoffen. Er grinste freundlich, schloß halb die Augen, lallte etwas von: »Anna – warum liebst du mich nicht mehr?« und entschlummerte sanft in den Armen des bereitstehenden Wärters.

Der Professor strahlte. »Na?« sagte er. »Was sagen Sie nun? – Der Mann braucht nicht in die Kneipe zu gehen, er braucht sich nicht verhaften zu lassen, wenn er randaliert und Fensterscheiben entzweigeschlagen hat, und morgen früh erwacht er glücklich, zufrieden und mit einem Mordskater. Kommen Sie weiter!«

Wir gingen in das nächste Zimmer. »Hier können wir an Ihnen selbst einen Versuch machen«, sagte Klosinski. »Geben Sie Ihren Arm her.« – »Um Gottes will ... « wollte ich sagen. Aber schon verspürte ich einen stechenden Schmerz am Handgelenk, der Professor zog triumphierend die Spritze heraus und sagte: »Nun?«

Ich war pumpssatt. Ich bin schon oft wirklich satt gewesen – als mein Freund Wrobel damals seine Geliebte los geworden war – sie war eine Individuelle und redete den ganzen Tag –, gab er seinen Bekannten ein Festessen –, damals war ich wirklich satt. Auch als ich auf der Auktion die Speisekammervorräte des Naturmenschen Nagel erstand, der laut Prospekt von Pflanzenkost dahinvegetierte – auch da war ich richtig satt. Aber so satt wie jetzt war ich noch nie gewesen. Ich hatte so das angenehme Gefühl, ein richtiges Diner von drei Metern Höhe und vier Metern Breite hinter mir zu haben – es war so l'heure du café – die Stunde, da man aller Welt verzeiht, weil man gar so satt ist. Bei den Chinesen gilt es als besonders fein, nach der Mahlzeit aufzustoßen – wir dummen Europäer tun das nicht. Ich mußte mich auf einen Stuhl setzen und ächzte leise.

»Mahlzeit!« sagte Klosinski. »Wie ist Ihnen?« – »Haben Sie einen Kognak?« fragte ich. Ich bekam ihn und durfte in das nächste Zimmer gehen.

Da gab es Musikspritzen, nach denen einem ganz benebelt im Kopf wurde – man brauchte nicht mehr zu denken, Töne wirbelten durch das innere Gehör, und die Welt versank – so herrlich war das. Und in einem anderen Zimmer wurde ›Lyrik‹ verzapft, und in einem ›Politik‹ (von dieser Spritze wurde den meisten schwer übel), und ›Tanz‹ und ... »Sagen Sie«, fragte ich den Professor, »geht denn das Unternehmen gut?« – »Panter«, sagte er. »Berlin ist anderthalb Stunden weit weg. Kennen Sie den Berliner? Eine bessere Kundschaft ist nicht denkbar. Er will immer Neues haben. Ihm kann es nie schnell genug gehn. Er braucht Abwechslung ohne Sammlung, neue Ziele ohne Mühsal, Reisen ohne Zeitverlust, er ist ein moderner Mensch!« Wir traten in ein neues Zimmer.

»Ja ... « sagte Klosinski. »Sind Sie verheiratet, Panter?« – »Nein«, sagte ich. Dabei bin ich es ein bißchen, aber was ging das ihn an? – »Dann kann ich Ihnen das hier nicht so recht zeigen«, sagte er. »Sehen Sie – hier – hier werden ... « – »Ich weiß schon«, sagte ich und wurde rot. Und er geleitete mich hinaus.

»Die anderen Zimmer sind noch nicht in Betrieb«, erklärte er. »Ich habe noch nicht die Lösung für alle Spritzen gefunden. Es ist eine mühselige Sache. Aber es lohnt sich, es lohnt sich. Wir hatten gestern 156 Patienten, und das steigt mit jedem Tag. Ja, es ist ein herrlicher Erfolg!«

»Herr Professor«, sagte ich, »aber eine Spritze fehlt!«

»Welche?« rief er.

»Nun«, sagte ich, »warum gebrauchen Sie nicht selbst eine Spritze, die Ihnen das Leben erspart? Eine, die das ganze Leben konzentriert enthält, so dass Sie nur noch zu sterben brauchen?« Ich sah ihn gespannt an.

»Wissen Sie«, sagte er gedehnt, »das – ich möchte doch lieber – leben.«

Und da schmunzelte ich mein schönstes Schmunzeln und fuhr heim zu Muttern.

 

 

Peter Panter

Berliner Tageblatt, 02.04.1919, Nr. 145.





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