Die Lügen-Kartei


Lügen haben kurze Beine, viele Frauen aber auch, das beweist also nichts. Wie kommt es nur, dass viele Lügen überhaupt ans Tageslicht gelangen –?

Das kommt daher, dass die meisten Lügner kein gutes Gedächtnis haben. Wer lügt, muß aber ein sehr gutes Gedächtnis haben. »Du hast doch aber neulich gesagt ... « so fängt es an, und dann setzt der arme geängstigte Mann, denn Frauen sagen stets die Wahrheit, setzt der Mann auf die alte Lüge eine neue. Das bekommt ihm meist nicht gut. Als alter, erfahrener Lügner kann ich nur sagen: meine Schwindeleien sind alle herausgekommen, weil ich nicht ordentlich aufgepaßt habe. Frauen passen schrecklich auf ...

Diesem Übelstand verdient, abgeholfen zu werden. Zu solchem Behufe wäre es vielleicht angängig, wenn jeder, der da löge, sich eine Lügen-Kartei zulegte, damit er wenigstens weiß, was er so zusammengelogen hat. Es fällt zum Beispiel sehr auf, wenn man am Dienstag erzählt hat, man habe ein Konto auf einer großen Bank, und wenn man am Freitag plötzlich viel Geld ausgibt – das reimt sich nicht zusammen. Nicht jeder hat die Geistesgegenwart jener Frau, auf deren Bett der Ehemann ein paar, mit Verlaub zu sagen, Hosenträger fand. »Du hast einen Liebhaber!« rief er aus. Und die gekränkte Frau sprach würdevoll: »Erstens habe ich keinen Liebhaber, und zweitens hat er keine Hosenträger!« Auch lügen will gelernt sein.

Man lüge konsequent, während man abrupt die Wahrheit sagen kann. Wobei es einem dann freilich geschehen kann, dass die Wahrheit von keinem geglaubt wird, sie ist ja auch mitunter recht abenteuerlich, die Wahrheit. Man lüge also konsequent, und vor allem: man merke sich genau, was man gesagt hat: es muß eins zum andern kommen. Man trage also in die Kartei ein:

»Am 14. zu Lilly gesagt, dass schon als Knabe freigeschwommen« und:

»Gestern am Stammtisch behauptet. Englisch zu können« – und so fort. Von den komplizierteren Lügengebilden wie Geschäftsberichten, Eifersuchtsaffären und Parteiprogrammen ganz zu schweigen. Man gehe da mit der allergrößten Vorsicht ans Werk – und ohne dass die Sache kräftig durchorganisiert ist, läßt sich das überhaupt nicht machen.

Ganz besonders wichtig ist die Kartei bei den sogenannten ›Notlügen‹, die etwa 101 V. H, der gesamten Lügen ausmachen. Leider gibt es so wenig Leute, die aus reiner Freude am Lügen lügen; schon Oscar Wilde klagte bekanntlich über den Verfall des Lügens. Lügen ist eine Kunst, eine große Kunst – was stümpern die Leute da herum ...

Die Kartei allein tuts freilich auch nicht. Man probiere vor dem Spiegel – der Mund lügt, aber ehe die Augen mitlügen, das ist eine große Sache. Es flirrt da etwas in ihnen, es flimmert, es zwinkert – also das ist gar nicht einfach. Doch wird nach der Spiegelprobe die Kartei hoffentlich einen Fehler verhüten, den die meisten Lügner begehen: sie lügen zuviel. Sie übertreiben. Es stimmt alles zu genau. Man lüge wenig, spreche möglichst wenig von dem, was man da zu verbergen hat – damit kommt man noch am allerweitesten.

Ich für mein Teil bin ja nie weit gekommen. Wenn ich sagte: »Gestern abend war ich im Verein«, dann sagt Lieschen: »Merkwürdig, dass du da nicht mit abgebrannt bist«, und wenn ich sage: »Reizend ist Ihr Buch, das Sie mir gegeben haben«, dann sagt der Autor: »Entschuldigen Sie – aber ich hatte Ihnen aus Versehen ein altes Kochbuch gegeben«, und mir nützt keine Kartei etwas. Infolgedessen habe ich mir angewöhnt, mit Aplomb die Wahrheit zu sagen, mit dem Erfolg, dass mir die Leute nun überhaupt nichts mehr glauben. Wirklich geglaubt werden nur Lügen.

Die Lügen-Kartei, D. R. G. M., sollte jedermann wenigstens in der Taschenausgabe bei sich tragen; sie wird ihm viele Verlegenheiten ersparen. Ich hatte auch eine. Leider habe ich sie gestern bei Freunden liegen lassen, und nun will ich in einen wohlverdienten und längeren Urlaub gehen – die Stadtluft bekommt mir nicht.

 

 

Peter Panter

Vossische Zeitung, 25.08.1931, Nr. 398.





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