Ch. Lucieto, ›En Missions spéciales‹,
›Livrés à l'Ennemi‹


Die Landsleute dieses Chansonniers lieben den Abenteurerroman; da haben sie ihren Dekobra, dessen Erfolg mir ewig unverständlich bleiben wird, und der übrigens ein netter, bescheidener Junge geblieben und gar kein Edschmid geworden ist, obgleich er doch mehr kann als jener; und neulich hat ein Mann, der ›Ch. Lucieto‹ zeichnet, ein sehr amüsantes, inzwischen verfilmtes Buch veröffentlicht ›En Missions spéciales‹ (bei Berger-Levrault, 136 Bd. St.-Germain, Paris). Darin war mit viel Geschrei und nicht gar zu viel Wolle aufgezeigt, wie im Kriege angeblich der Spionagebetrieb funkioniert hat, und das war ja denn auch angenehm gruselig zu lesen. Nun aber hat es jenen nicht schlafen lassen, und er hat sich etwas Neues zurechtgekocht: ›Livrés à l'Ennemi‹ (bei demselben Verleger). Mensch, du lachst dir dot! Das ist ein halb erfundener Kriminalroman, mit einem Meisterspion James Nobody, und der spioniert sich so sachte durch Deutschland und Rußland. Dabei hat der Herr Verfasser eine Menge richtiger Angaben verwandt: über die schwarze Reichswehr, über die IG-Farben-Gesellschaften und andres. Durchsetzt ist das aber mit einer Kellerromantik dunkelster Sorte, und das Kapitel, in dem der brave, sich selber dementierende Verwaltungsbeamte Geßler als furchteinflößender Friedrich der Zweite mit einem Krückstock erscheint, abzudrucken lohnt nur deshalb nicht mehr, weil der Mann, der vielen anständigen Arbeitern und Journalisten lange Jahre unschuldiger Haft verschafft hat, seine ›Verantwortung‹ trägt, wie das eben bei Beamten üblich ist: in der Pension. Aus dem Buch spritzt auch jene französische Bolschewistenhetze, die um so gefährlicher ist, als die Ahnungslosigkeit von Redaktion und Leser, was fremde Länder betrifft, hier ungleich großer ist als in Deutschland. Bekanntlich gehört zu den festen Glaubenssätzen französischer ultranationaler Zeitungen, dass Deutschland Tag und Nacht Kokain nach Frankreich schmuggelt. (Was sicher vorgekommen ist – es kommt eben auf die Melodie an, in der so etwas vorgetragen wird.) Und nun läßt der Herr Nobody einen Deutschen sagen: »Das machen wir so. Für die Aristokratie in Frankreich haben wir das. Kokain, für das Proletariat den Bolschewismus.« Da kannst nix machen. Und ich würde diesen Unfug, der zu der ehrlichen und anständigen Haltung der breiten Masse der Franzosen in starkem Gegensatz steht, gar nicht zitieren, wenn dies nicht international wäre: soziale Revolutionen immer als Werk des bösen Landesfeindes darzustellen. Daher der Name: Landesverrat, wenn Arbeitgeberpolitik gemeint ist.

Der Organismus ist in allseitiger Bewegung: der Magen brennt Sod, in den Ohren saust es wie in einer Muschel, die unfeinem Organe haben beschlossen, einen eignen Staatenbund zu gründen und die Monroe-Doktrin anzuwenden ... Das kommt davon, wenn einen die deutschen Passanten einladen, die Spesen ihrer Verbände jäh durch die Gurgel zu jagen. Das Großhirn träumt. Es träumt als Kind sich zurücke ...





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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