Das Leben der Colette


Sie kam, mich zum Theater abzuholen, und ich saß noch an der Dichtmaschine und nähte einen Aufsatz. »Ich will gar nicht stören!« sagte sie. »Ich setze mich hin und lese ein Buch, haben Sie etwas ? ... « Ja, ich hatte etwas. Ich hatte »La Vie de Colette« von Jean Larnac. Während ich klapperte, beobachtete ich sie heimlich. Sie hatte sich eine Zigarette angezündet, eine von diesen festgestopften englischen Zigaretten, die da herumstanden, mechanisch überflogen ihre schmalgeschlitzten Augen den Verlag auf dem Deckel: »Les Documentaires, Simon Kra, 6 rue Blanche, Paris« – dann begann sie zu blättern. Ich kannte das Buch genau und wußte ungefähr, wo sie gerade hielt.

Sie blätterte rasch, sie suchte – wahrscheinlich die Biographie. Jetzt mußte sie den Anfang gefunden haben. Geboren am 28. Januar 1873 – man sagt heute schon wieder, wie alt man ist, dachte sie – ich sags. Fast. Verheiratet, sieh! Gewiß: mit Willy. Geschieden. Dann mit Henri de Jouvenel. Geschieden. Emsig über meine Versfabrik gebeugt, sah ich kurz hinüber. Sie las eifrig. Also las sie von »Claudine«.

»Claudine« – das waren diese Bücher, die zu Beginn des Jahrhunderts so viel Aufsehen gemacht hatten: »Claudine à l'Ecole« und »Claudine a Paris« und »Claudine en Ménage« und so fort und so fort. Es war viel Lüsternheit in diesen Büchern, ein nicht angenehmer Ton – und wie sich nun herausstellte, hatte den der süße Willy, der erste Mann der Colette, hineingebracht. Herr Willy, der im Zivil Gauthier-Villars heißt und heute noch schreibt und nicht so sehr schön, Herr Willy verstand sein Geschäft. Und den Leserinnen lief denn auch der beabsichtigte kleine Schauer den Rücken hinunter, und den Männern! ... Claudine hatte viele Auflagen. Aber das war noch nicht die richtige Colette – es war erst der sie ankündigende Schatten.

»In München war die Colette auch?« fragte sie. »Ja«, sagte ich. Wieder blätterte sie. Jetzt las sie, dass Willychen die »Götterdämmerung« liebte – merkwürdig, dass die bösen Menschen den guten Wagner so lieben! Und nun las sie wahrscheinlich, wie kein Mensch glauben wollte, dass Colette diese Bücher geschrieben habe – alle tippten auf Willy. Und dabei hatte doch die Colette sie wirklich geschrieben, und zwar in ihre alten leeren Schulhefte. La gosse. Jetzt wollte ich sie nicht stören – es stand nicht alles in dieser Biographie – man muß auch nicht über eine Ehe alles in die Bücher schreiben. Zur Diskussion stehen die Werke eines Schriftstellers, nicht sein Leben. Wie war die Colette?

»De l'honnêteté ... peut-être, mais qui s'habille comme une grue.« Kürzer konnte man es nicht sagen. Nun überschlug sie Seiten und Seiten – was für eine geschickte Hand diese Frau hatte! Sie mußte jetzt ungefähr da sein, wo von der Theaterzeit der Colette die Rede war: wie sie, unter mancherlei gesellschaftlichem Lärm, von Bühne zu Bühne zieht, tanzt, in der Pantomime arbeitet, in eigenen Stücken spielt ... Ihrem zweiten Mann war sie im Kriege nach Verdun gefolgt. Und dann schrieb sie Jahre und Jahre ... zum Beispiel schrieb und überwachte sie die kleinen Novellen im Matin. Sie hat viel gelernt. Und dann: kam sie.

»Wie – –« sagte sie. Und stoppte. »Bitte?« sagte ich. Und stoppte auch. »Sagen Sie – entschuldigen Sie, dass ich Sie störe –, aber diese Frau ist doch im Privatleben so unbegreiflich brav! Ist das wahr? Ist das so?« Da unterbrach ich mich.

Ich holte »Le Rappel à l'Ordre« von Jean Cocteau heran, das sich da auf dem Tisch mit sich selber, also glänzend, unterhielt. Und zeigte ihr diese zwei Stellen:

»Die Bourgeoisie ist der Grundstamm Frankreichs; alle unsere Künstler kommen von daher: sie sind emanzipierte Familiensöhne. Vielleicht machen sie sich frei; aber ihre bürgerliche Herkunft erlaubt ihnen, schwindelnde Bauten auf solider Grundlage aufzuführen.« Und: »Il y a une maison, une lampe, une soupe, du feu, des pipes, derrière toute oeuvre importante de chez nous.« – »Das ist die Colette«, sagte ich. »Und das ist Frankreich.« Sie fuhr fort, zu lesen.

Ich hatte jetzt einen schwierigen irrealen Konditionalsatz in der Maschine, die Typenhebel knackten, der Wagen schäumte, nun war ich drüber weg und raste dem Schluß zu. Aus meinem Gehirn tropfte es, es war so weit vom Gehirn bis zur Schreibmaschine! Ich hatte nun keine Zeit, hinüberzusehen – sie aber, das hörte ich, hatte das Buch halb zugeklappt, spielte nur noch damit –, denn nun war von den Büchern der Colette die Rede, die sie kannte, von diesen entzückenden Gebilden: »Mitsou«, »Chéri« und allen den andern. Die hatte sie deutsch gelesen und französisch gelesen ...

»Ein hübsches Buch, diese Biographie!« sagte sie. »Können Sie sie mir leihen?« Ich wies auf einen kleinen Spruch im Rähmchen an der Wand. »Wenn Sie von mir ein Buch geliehen haben wollen,« stand da, »bitten Sie mich darum. Meine Ablehnung wird durchaus höflich sein!«

Sie nahm stillschweigend den roten Band mit der Lebensgeschichte der Colette an sich. Wir erhoben uns.

 

 

Peter Panter

Die losen Blätter der »Dame«, Dez. 1927, Nr. 573.





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