Der Lautsprecher


Ein Lautsprecher auf der Straße –?

Wenn ich Krach haben will, gehe ich nach Hause – auf der Straße möchte ich meine Ruhe haben. Aber mit dem Lärm ist das so eine Sache.

Über ein fremdes Grundstück zu gehen ist im allgemeinen verboten, und über den Hausfriedensbruch, begangen durch eine leibliche Person, sind sich alle Leute einig. Das gibts nicht. »Wat? Hier in meine Wohnung –?« Zu Hilfe, Polizei, Überfallkommando, Staatsanwalt. Gut. Aber über den Hausfriedensbruch, begangen am Frieden der Ohren, begangen durch Geräusche ... da sagt keiner etwas. Weil sies nicht hören, und weil sie ihn alle selbst begehen, den Friedensbruch. So:

Die Steine der berliner Häuser sind zerfressen von Musik. Vollgesogen mit Schallwellen, halten die armen Ziegel kaum noch stand, und man soll sich nicht wundern, wenn so ein Haus eines Tages plötzlich – allen Vorschriften der Baupolizei zum Trotz – langsam in sich zusammensinkt, Klaviere und Grammophone unter sich begrabend ... Gottes Güte ist groß. Denn in jedem Haus heult Ingeborg-Edith-Ruth, weil sie es mit dem Künstlerischen hat, oder rollt Tonleitern auf die Tasten und höret nimmer auf. Übrigens ist niemand prätentiöser als diese Stümper.

Das ist für das linke Ohr. Das rechte wird durch die Bau-Bau-Hunde ausgefüllt (figürlich).

Diese Wesen, die die Straßen ornamentieren – Urplastik, Wasserornament und Wahrzeichen der Stadt –, sind dazu da, um von ihren Herrchen und Frauchen gerufen zu werden. Dann bellen sie. »Fox! Komm mal her! Wirst du gleich mal herkommen! Komm mal hierher! Hiiierher!« Und dann gibt es ein schreckliches Gebrüll, als ob eine Farm von Indianern überfallen würde, es fährt aber nur ein Milchwagen vorüber ... Hunde schreiten mit der Zivilisation nicht fort; sie stehen noch im Zeichen Winnetous, suchen Fährten und halten den vorüberradelnden Obersekretär für einen mörderischen Mörder.

Weil nun aber auf diese Weise beide Ohren versorgt sind – von dem Kindergeschrei zu schweigen, dem man schon meilenweit anhört, ob das gute Kind krank ist oder nur einmal das Popochen voll bekommen müßte –: deshalb haben sie nun am Funkturm einen Lautsprecher auf die Straße gestellt. Bei der Überorganisation der Ämter ist schwer festzustellen, wer der Urheber dieser Rücksichtslosigkeit ist, die Stadt Berlin oder der Rundfunk oder die Post –: aber es ist schade, dass sich die bemitleidenswerten Anwohner noch nicht zusammengetan haben, um den Radaumachern eine dicke Klage anzuhängen. Es ist über die Maßen greulich.

Was man auf der Straße tun soll, steht dahin. Manche lesen Zeitungen (was meine Tante Julia einmal zu dem Ausruf veranlaßt hat: »Er liest Zeitungen auf der Straße, wie ein wildes Tier!«) – manche hängen ihren Gedanken nach, das ist schon schwerer – manche träumen – manche, wie mein Freund Theobald, gehen mit völlig idiotischem Gesichtsausdruck an ihren besten Freunden vorbei ... man kann vielerlei auf der Straße verüben und erdulden. Aber eines nicht:

Lautsprecher mit gutturalen Reden und Lautsprecher mit viel Musik.

Ich weiß schon: auf den Boulevards in Paris heult auch einer. Tut er auch. Da, wo früher der alte Lucien Guitry aufgetreten ist, bauen sie jetzt um, auf dem Gerüst tat sich eines Tages eine schwarze Höhlung auf, und hervor heulten eine Trompete und ein Opernbaß und eine Vickeline und ein Frauenzimmer, die in die Hupen hereinquietschte: »Mon coeur soupire ... « Jeder, wie er kann.

Da gehts aber wenigstens im allgemeinen Krawall unter, bunte Zutat im Großstadt-Orchester. Aber hier, am Funkturm –?

In eine stille Gegend, wo nur alle halbe Jahre eine elektrische Bahn vorbeikommt, blökt und quakt eine fette Stimme Sachen, die man natürlich nicht versteht, weil niemand Zeit und Lust hat, so lange stehenzubleiben; rollt Orchestermusik; johlt Kunstgesang; quietscht irgendein Instrument unbekannter Herkunft. Man will das auf der Straße nicht. Es ist nicht nur eine Belästigung der Anwohner, die einem schwer leid tun können, zweifellos ist der Wert ihrer Wohnungen geringer anzusprechen. Es ist auch eine kindliche Überschätzung der Technik, ein dummes Spiel, etwa: Indianer kochen in einem aufgefundenen fotografischen Apparat Ziegenmagen. Dazu ist der Apparat im allgemeinen nicht da.

Und der Lautsprecher nicht, um in den Frieden der Ohren einzubrechen. Ob die Musik dabei profaniert wird, mögen Musiker entscheiden; mich will es fast so bedünken. Daß man aber harmlosen Passanten diesen Unfug, den sie gar nicht haben wollen, nicht aufdrängen soll, das ist einmal sicher. Der Techniker mit seiner Kommission, der das Ding da aufmontiert hat, kam sich sicherlich sehr großstädtisch vor und stand voll bewundernd vor seinem Werke. Es ist aber gar nicht großstädtisch, sondern im Gegenteil eine provinzielle Verkennung der Möglichkeiten des Radios. Sind die dargebotenen Kunstleistungen schlecht, dann verschone man uns damit. Sind sie aber gut, dann treffen sie auf die Ohren Unwilliger, stumpf Neugieriger, Eiliger, hastig zur Arbeit Trottender –: dann ist es schade um die Kunst und ein Ohren-Hausfriedensbruch obendrein. Nicht einmal »Neueste Nachrichten« will man in ruhigen Zeiten von dieser Stelle hören.

»Achtung! Achtung! Wir hören jetzt ... « Das geht Stunden und Stunden so. Rundfunk wird störend oft empfunden, weil er stets mit Geräusch verbunden. Man sollte diesem Störenfried die Antenne erden und ihn im Interesse des allgemeinen Friedens abmontieren. Auf Nimmerwiederhören!

 

 

Peter Panter

Vossische Zeitung, 13.02.1927.





 © textlog.de 2004-2018 •
Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright