Küche in der Hochsaison


»Musch«, sage ich, »hast du Papa lieb?« Musch antwortet nicht, sitzt da und tut schlank. Ich überlege blitzschnell, ob ich sie so liebe, wie sie mich zu lieben glaubt – weil wir sonst keine Sorgen haben ... Wir sitzen in Prag in einem Eßladen, der bummvoll ist, die weißen Schaumhauben auf den Pilsenern erglänzen. Das Lokal hat seine acht Meter im Geviert ...

Die Küche nur drei. Es ist eine ganz kleine Küche; Herd, Köchinnen-Kopf und Kellner-Backen glühen. Rufe, Schreie, zornige Befehle – deutsch und tschechisch, das geht alles durcheinander. Der Köchin perlt die Stirn, ihre Haare hängen herunter, einmal wischt sie sich energisch die Nase, zieht hoch, man hört es deutlich durch all den Lärm. Die Kellner schreien, jeder will zuerst bedient werden, um zuerst zu bedienen. Die Küche kocht, sozusagen.

Vorhin sind wird bei der Küche vorbeigegangen; jetzt blicke ich durch Musch und durch drei Steinmauern und eine Wand und sehe die Küche. Die kleine Küche in der Hochsaison, die es überall gibt: auf berliner Bällen, auf großen Überseedampfern, auf dem Brocken und im Tal, an der Mühle, des Sonntags, wenn die halbe Stadt sich im Kaffeegarten drängt ... überall ist es dasselbe.

Da wird hinten der Kessel des Vergnügens geheizt, damit vorn das Rad der Erholung surrt, der Transmissionsriemen menschlicher Arbeit führt von einem zum andern, und der kleinen Minorität, die die Majorität in diesem Augenblick unterhält, wird rot vor Augen. Sie sehen gar nichts mehr. Über bekieste Wege, wo wochentags die Spatzen piepen, rast ihr hastiger Schritt; sie schaufeln in das rote Küchenloch die Kohlen ihrer Arbeit, die Maschine ist im Gange, das Rad läuft auf höchster Tourenzahl ...

Vorn wissen sie scheinbar nichts davon. Einer sagt »Bombengeschäft – das hier!«, aber damit ist es auch aus, und im übrigen ist es da vorn so selbstverständlich; so, wie wenn einer sagt: »Ich fliege«, während er doch geflogen wird ...

Mehr und immer mehr Leute kommen in das Lokal; die Heizer des Vergnügens arbeiten nun so, wie man noch nie Menschen hat arbeiten sehen; Teller rasseln, Wasser spritzt auf fettige Soßenreste; Deckel klappern, Butter zischt, Kochlöffel fallen, Schreie steigen auf, kreuzen sich, sie rufen, brüllen ... Die größte Energie ist hier auf den kleinsten Raum zusammengedrängt. »Ein Schock! – Mock! – Bock!« Gott weiß, was sie rufen – alle Kessel sieden und zischen mit einem Male auf ... da vorn fangen die ersten Kellner an, zu kassieren.

Langsam, ganz langsam, beruhigt sich der Betrieb in der Küche. Die Schreie werden leiser, seltener; durch das Tellergeklapper ist verständlich, was die erste Köchin zum zweiten Koch sagt; der Chef sieht in die Küche und nickt fast anerkennend, einzelne Gäste stehen auf, grüßen, gehen hinaus ... »Phhh –«, macht die Kaffeemaschine und läßt Dampf ab. Aufatmend trocknen sich die Kellner mit der Serviette die Stirn; der Pikkolo macht ein saures Gesicht, weil er noch angestrengt weiter Tabletts tragen soll, während die andern schon aufatmen – und sind immer mehr Gäste gegangen, bald ist es halbleer, viertelleer, fast ganz leer. Nur wir sind noch übrig.

»Musch, hast du Papan lieb?« frage ich.

»Nein«, sagt Musch. »Du frißt zuviel.« Siehst du, Küche – wenn man verliebt ist, braucht man dich selten.

 

 

Peter Panter

Vossische Zeitung, 05.12.1929, Nr. 284.





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