Kritik über den lieben Gott


Der liebe Gott ist ein älterer Mann mit Rauschebart, in dem die Motten sitzen. Er steht morgens sehr früh auf, wie alte Leute zu tun pflegen, die nicht mehr recht schlafen können, wäscht sich schlecht und recht und regiert dann ein paar Stündlein. Nach Tisch druselt er ein bißchen vor sich hin, was ihm auch leider während der Arbeit hier und da unterläuft – um fünf Uhr schließt er unweigerlich. Abendgebete haben also keine Aussicht auf Erhörung. Um die Zeit gräbt der Alte seinen kleinen Garten um und ordnet seine Briefmarken.

Es muß einmal gesagt werden: Wir sind alle nicht mehr recht zufrieden mit dem alten Herrn. Was macht der Mann eigentlich den ganzen Tag –?

Er arbeitet in den Akten und telefoniert, das ist wahr – aber er ist vergeßlich wie der Kaiser Franz Joseph, mit dem er überhaupt eine fatale Ähnlichkeit hat. Er ist voll der kitschigsten Einfälle: er läßt eine Kuhmagd in Jarwischken eine Dollarerbschaft machen, verschollene Söhne kehren nach Jahren wieder und verloren geglaubte Briefe auch – aber alles zur Unzeit, alles zur Unzeit. Wenn ihm sein Hund Taps einen Aktenständer umwirft, kann es geschehen, dass er die Jour-Mappe stehen und liegen läßt und den ältesten Kram aufarbeitet.

So kommen die späten Erfüllungen zustande – und alle zur Unzeit. Leute verwarten die schönste Zeit ihres Lebens, die Börse ist durcheinander, und nicht einmal auf ihre Unzuverlässigkeit kann man sich mehr verlassen. Er hat so melodramatische Ideen wie diesen Krieg. Leichen sieht er nicht, für heulende Frauen geht ihm jedes Gefühl ab – schließlich kein Wunder in dem Alter ... Kinder fallen vier Stockwerke tief herunter, und bald fehlt uns der Wein, bald fehlt uns der Becher. Über seine Haltung in den Jahren von 1914 bis 1918 wollen wir gar nicht reden, überall war er Vorsitzender des Aufsichtsrats, und wie hat er sich nachher benommen? Er beschützt die Falschen und segnet die Schlechten – er verläßt die Guten und fixt das Himmelreich.

So geht das nicht weiter. Die Versammlung wolle beschließen:

Die in der Bötzow-Brauerei versammelten Gläubigen sprechen dem lieben Gott ihr Mißtrauen aus. Sie hoffen und erwarten, dass er vom nächsten Quartalsersten an diejenigen Reformen und Verbesserungen im Himmel durchführt, die zur ausreichenden Umbildung der Metaphysik unerläßlich sind, widrigenfalls sie das Abonnement aufgeben. Insbesondere bedürfen die Registratur sowie die Bittschriftenabteilung einer völligen Neuordnung. Die Versammelten haben sich das nunmehr sechstausend Jahre mit angesehen, sind aber nicht gesonnen, die Unzulänglichkeiten des Systems auch fürderhin zu dulden.

Das walte Gott!

 

 

Kaspar Hauser

Die Weltbühne, 05.06.1924, Nr. 23, S. 789.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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