Eberhard Buchner, ›Kriegsdokumente‹


Da hat Eberhard Buchner im Kriege (bei Albert Langen in München) ›Kriegsdokumente‹ gesammelt; wenn ich nicht irre, sind sechs Bände erschienen. Er hat ganz einfach Zeitungsausschnitte, die er für bedeutungsvoll hielt, zusammengestellt und die genaue Quelle angegeben – weiter nichts. Wenn man das heute liest, glaubt man, die Bierzeitung eines Tollhauses zu lesen.

»Wie ich höre, sind der Bruder von Sir Edward Grey und der Sohn des französischen Ministers Delcassé in deutscher Gefangenschaft. Ich kann nur raten, diese beiden Herren zunächst einmal in einen wirklichen Schweinestall einzusperren mit den natürlichen Insassen als Gesellschaft, das wird auf die Stimmungen in London und Paris ganz anders zurückwirken als zehn gewonnene Schlachten.« Der so spricht, ist der schlichte Pastorensohn Carl Peters, aus dem Balder Olden einen Roman destilliert hat. Man hält das nicht für möglich, was in diesen Bänden steht: diese Mischung von Tobsucht, Geifer, kalter Begeisterung und gerissener Vaterlandsliebe: »Der deutsche Militarismus ist doch wertvoller als das ganze Völkerrecht.« Und so Satz für Satz, Seite für Seite, Zeitung für Zeitung. Warum ich das erzähle? Weil man es eben nicht ruhen lassen soll. Weil, vor allem, unsre Schulen dergleichen den Primanern vorhalten, erklären, deuten sollen. Wie hier Komma für Komma der ›Letzten Tage der Menschheit‹ belegt ist; wie sich geschickte Propaganda von Kapital, Militärs und Kirche auswirken – wie das aussieht, wenn ein ganzer Kontinent und insbesondere das völlig desorientierte Deutschland wahnsinnig geworden ist. Und grade heute, wo die verhüllten Nationalisten, die die Lüge von der alleinigen Kriegsunschuld Deutschlands propagieren, wieder ihr Werk treiben, grade heute ist festzustellen, dass hundert Millionen von Eltern gezwungen werden, ihre Kinder auf Schulen erziehen zu lassen, die ihnen über den Krieg nicht die Wahrheit sagen: ein pazifistisches Süd-Tirol. Hier wird die Geschichte gelehrt, wie sie sich im Reichsarchiv spiegelt, also gefälschte Geschichte, zurecht gestutzte Geschichte, zusammengestrichene Geschichte – dort wird Vaterland mit Heimat gleichgesetzt: in den Schulen ist es besser geworden, aber noch lange nicht, noch lange nicht gut.

Und ich liege schlaflos und bleibe wach: weil es nicht schön zu denken ist, wie ein ganzes Volk so wenig aus einer solchen Katastrophe gelernt hat.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 08.05.1928, Nr. 19, S. 717.





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