Krieg


So heißt eine Mappe mit sieben Blättern von Willibald Krain, die bei Orell Füßli in Zürich erschienen ist.

Wenn die literarischen und illustrierenden Künstler, die heute – scheinbar plötzlich erwacht, in Wirklichkeit von der behördlichen Zensur befreit – gegen den Krieg etwas zu sagen haben, das Gleiche mit gleichen Mitteln für ihn sagten, so würde man sich vieles nicht ansehen. Es reizt in den meisten Fällen – wie bei Latzko – nur das Stoffliche und die anständige Gesinnung.

Die Bilder Krains sind vor allem zu loben, weil sie – mitten im Kriege geschaffen – erklären: Jedes Ding hat zwei Seiten. Auch euer Krieg, Nein – er hat nur eine Seite: diese da! Und dann ist sie dargestellt: vom Einfall ausgehend, vom malerischen oder vom literarischen, man fühlt sich – was die Konzeption angeht – etwas an Kubin erinnert. Nur hat Krain keine Visionen gehabt, sondern nur sehr gute Einfälle.

Das erste Blatt, fast das stärkste: ›Die Kabinette‹. Zwischen schwarzen Felsen schiebt sich eine dunkelgraue Menge – – aber über ihren Häuptern glühen rote Drähte, gezogen von einem Felsen zum andern. Und unten gehen sie und wissen nicht, was da über ihnen knistert. ›Gerüchte‹ heißt das zweite Blatt: in leeren graden Gassen flattern Fledermäuse. ›Gebet um Sieg‹. Sie liegen zu Füßen des Gekreuzigten, aber über ihren Köpfen ist eine große graue Wolke, sodaß sie sein Antlitz nicht sehen: einen grinsenden Antichrist. ›Blutrausch‹ heißt das vierte Blatt – ein Löwe in roten Schwaden, das haben wir schon stärker gesehen. ›Die Frauen‹ das fünfte – an Grabkreuze gebunden hängen dort die Frauen. Ich halte das Blatt für nicht erschöpfend – die ›Weltbühne‹ stritt schon einmal in Antworten und Gegenantworten um die Frage: ist die Frau friedensliebend oder ist sie nicht nur seine Frau, die Frau des Mannes, des Siegers? Ich möchte, rückständig, wie ich einmal bin, das zweite annehmen. Das siebente Blatt: ›Sieg‹ – ein ungeheures Schwert steckt in einem Blutmeer.

Schlagend und kühn ist allein das sechste: ›Die Fahnen‹. Da hängen in einer traulichen Bürgergasse, winklige Häuser stehen darin, Blumen an den Fenstern, und der Himmel ist ausgestirnt – da hängen Fahnen-Stangen an den Häusern. Aber an den Stöcken baumeln keine Fahnen, sondern nackte tote Körper. Das sind die Gefallenen, die jedes Haus verloren hat. Die sagen: Jede Fahne, die ihr aushängt, bedeutet einen Toten. Das Siegesgeschmetter der Schwadron, die durch das Tor einreitet und Lokalredakteure und Frauen gleichmäßig begeistert – weil die immer bei den Siegern sind – ist ein Totenmarsch, und der Rausch in den Blättern und in den Büchern riecht nach Blut. Das ist die andre Seite. Ehre dem Künstler, der 1916 gegen den Blutstrom schwamm! Unsre deutschen Bürger aber laufen herum, ohne Götzen und ohne Hausgötter, kein Krieg und keine sanktionierte Brutalität mehr, kein Ruhm und keine lobende Erwähnung im Wochenblatt. Humanität? Fortschritt? Völkerbund? Es fehlt ihnen etwas.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 21.08.1919, Nr. 35, S. 233.





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