Köpfe


Daß in Deutschland gearbeitet wird, steht fest. Noch fester, dass stets daran gearbeitet wird, dieser Arbeit auch die nötige Beachtung zu sichern – »aus betriebstechnischen Gründen« entlädt sich diese Eitelkeit in Denkschriften, Geschichten, Erinnerungsheften und einem recht unbescheidnen Getue um eine Sache, die, dächten wir, dem Deutschen doch selbstverständlich sein sollte.

Prüft man solche historischen Abrisse der Geschäftsunternehmen, so findet man darin gewöhnlich die Porträts der Inhaber, ab 1684 bis auf den heutigen Tag. Und dabei fällt etwas auf. Betrachten wir die drei letzten Generationen; die Herren sind brav und sauber fotografiert: nur so ist ja eine Vergleichung möglich, denn Zeichnungen können noch mehr abirren; Fotos sind halbwegs zuverlässige Reportage. Wie sehen diese drei Generationen aus –? August Friedrich Wilhelm Schulze (1821 – 1889). Ein bebarteter, alter, bescheidener Mann, mit Brille und schütterm weißen Haar; Arbeit und Alter haben ihn leicht geduckt, aus seinen Augen blickt alles mögliche, verglommene Herrschsucht, Traurigkeit, ein langes Leben – ein Mensch, mit dem man sprechen kann. In pace. Hans Erich Schulze (1854 – 1915). Blanke Augen und der mächtige Schädel eines tatkräftigen Mannes; in diesen Augen ist vielerlei: ererbte Familienzüge, List, sicherlich Güte. Für den ist der deutsche Humanismus nicht umsonst gewesen – er hat eine Beziehung zu dem Besten gehabt, was Deutschland zu geben hatte. Aber schon nicht mehr so wie der Alte, sein Vater. In pace.

Dr. jur. Ernst Emil Schulze (geb. 1885). Donnerwetter!

Ein glatt rasierter Schweineschädel: zwei kleine Knopfaugen; ein erbarmungsloser Kragen; ein Zahnbürstenschnurrbart ... und um die Wein-Unterlippe jener Zug von Kälte und Korrektheit, der die Hülle aller neudeutschen Herzlosigkeit ist. In pace? In bello. »Und der Hermundure flüstert beklommen: Gott, ist die Gegend runtergekommen ... «

Die gute alte Zeit hats nie gegeben. Die schlechte neue? Allemal. So, wie der alte Jahrgang der deutschen Strafrichter immer noch angeht, weil es doch oft noch einen winzigen Weg zum Herzen dieser Männer gibt und vor allem, weil sie eines haben, jedoch die Brutalität der neuen Jahrgänge unerträglich ist: so ist auch der Typus der deutschen Kaufleute des neunzehnten Jahrhunderts, das vielfach aus Neusilber gewesen ist, eitel Gold gegen das Nickel dieser Tage. Wie das blitzt! Wie hart das funkelt! Und wie gelb

das einmal werden wird ... !

Gesichter, die in die Hose gehören. Aber wir zeigen sie der Welt – mit einem herausfordernden Ausruf aus dem Götz, und wundern uns, dass alle, alle dagegen sind.

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 22.01.1929, Nr. 4, S. 152,

wieder in: Deutschland, Deutschland.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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