Harfenjulius Klabund


Ja, und dann hat er die reizende Idee gehabt, seinen Kleinkram an Gedichten genau, genau so zu drucken wie meine Lieblingshefte, die ich so oft im Papierladen gekauft habe: »Wo ist der Himmel so blau wie in Wien? sowie hundert andre Schlager der Saison.« Er: das ist Klabund, und seine neue Gedichtsammlung, die sehr lustig ist, heißt ›Die Harfenjule‹ und ist im Verlag der Schmiede zu Berlin erschienen. Zum für in die Tasche zu stecken.

Sehr reizvoll ist zunächst, dass die Gedichte, wie das in den Zwanzig-Pfennig-Heften der Operetten-Texte üblich ist, in langen Prosazeilen ausgedruckt sind. Das gibt den Versen so etwas kurz Abgehacktes, auch weiß man nicht genau, wann eigentlich eine Zeile aus ist, man muß mit dem Finger lesen, und manchmal bleibt ein entzückendes Reimwort klein und ärmlich dastehen. »niedertauen«. Punkt. Aus. Wie stark und sicher müssen Gedichte gebaut sein, mit denen man sich diesen Scherz erlauben kann!

Klabunden seine sind das. Sie sind mehr als das. Die meisten freilich sind Notentexte; sie pfeifen, brüllen, schreien und orgeln nach Musik. So ein Ding wie die ›Hofsänger‹ sind ein Chanson erster Güte – außer Mehring weiß ich keinen, der das kann. (Klammer auf. Mehring, warum schreibst du keine Lieder mehr! Es ist eine Affenschande. Klammer zu.) Sehr schön ferner das ›Bürgerliche Weihnachtsidyll‹, in dem die Gesangbuchverse so lustig mit berliner Keßheiten kollidieren.

 

O Kind, was hast du da gemacht?

Stille Nacht, heilige Nacht.

Leis hat sie ihr ins Ohr gesungen:

»Mama, es ist ein Reis entsprungen!«

Papa haut ihr die Fresse breit,

Oh, du selige Weihnachtszeit!

 

Dann ist mein Lieblingslied in dem Heftchen enthalten: ›Liebeslied‹, Klabund hat es mir einmal leise am Klavier vorgesungen – er hatte es in sein Notizbuch gekritzelt, und da saß er so still und bräunlich am Klavier, er hätte ruhig zum Schluß mit dem Hut einsammeln gehen können. »Hui über drei Oktaven, Glissando unsere Lust! Laß mich noch einmal schlafen an deiner Brust.« Das ist ein schönes Lied. Was: ›Und ich baumle mit die Beene‹ anbetrifft, so hat dieses Lied, wenn ich recht bin, der Ebinger ihre Marke gegeben.

So ein Versband ist immer ungleich – manches ist aus Pappdeckel, manches wie aus Stahlplättchen zusammengesetzt, vieles aus einem Guß. Es glückt nicht immer. Wunderschön die große ›Ode an Zeesen‹.

Das ist eines von den Heften, das ich einmal – in achtzig Jahren – vergilbt und halb zerbröckelt zur Nachkontrolle lesen möchte. Mindestens zwanzig dieser Lieder werden dann noch frisch sein. Und das ist sehr viel.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 12.07.1927, Nr. 28, S. 73.





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