Kintopp, Glaube oder Kurpfuscherei


Der Wallfahrtsort Lourdes in Frankreich

»Schwindel –!« – »Ein Wunder! Die Heilige Jungfrau hat ein Wunder getan –!« – »Schwindel! Bluff! Unfug!« – »Unsere heilige Kirche ... « Was ist es nun –?

Die Wahrheit liegt nicht in der Mitte, weil eine Wahrheit niemals in der Mitte liegt – die Wahrheit liegt darüber.

Der französische Wallfahrtsort Lourdes macht zunächst einen etwas rummligen Eindruck. Es ist ein häßlicher Ort, landschaftlich ganz hübsch gelegen; im Sommer, zur Zeit der großen Pilgerzüge stets überfüllt; sein Hauptpunkt ist eine moderne, architektonisch schlechte Kirche, davor ein riesiger, langgestreckter Platz, darum herum viele Krankenhäuser für die Kranken, die dorthin kommen, um in den Quellen, die neben der Wundergrotte in einem Felsen sprudeln, Heilung zu suchen. In dieser Grotte soll der Sage nach im Jahre 1858 die Mutter Gottes einem kleinen Bauernmädchen aus Lourdes, der Bernadette Soubirous, von der noch Angehörige leben, erschienen sein. Das Kind will vierzehn Erscheinungen gehabt haben: die Kirche, die in solchen Dingen äußerst vorsichtig ist, glaubte erst nicht an das Wunder, die Bevölkerung geriet in Erregung; die Kleine hatte im Felsen eine Quelle entdeckt, die vorher nicht dagewesen war, und nun setzte der Wunderglaube ein. Die »Heilungen« begannen. Heute gehen jährlich über eine Million Menschen nach Lourdes.

Gleich neben der großen Kirche ist ein ärztliches Bureau eingerichtet; wenn Leute behaupten, geheilt zu sein, so werden sie von den dortigen Ärzten, die durchaus ehrbare Männer sind (und nicht etwa von der Kirche bestochen), genau untersucht. Die Untersuchung ist null und nichtig; denn die Ärzte kennen die Kranken nicht aus eigener Anschauung vor der angeblichen Heilung; sie sind auf Atteste angewiesen, können also niemals aussagen, wie sich der Kranke vorher wirklich befunden hat. Es werden etwa zwanzig Heilungen im Jahr von ihnen auf diese unzureichende Weise festgestellt. Die Kirche selbst, sehr klug wie immer, benimmt sich äußerst zurückhaltend; sie verlegt alle Verantwortung auf die Ärzte, und die wieder zucken die Achseln und verweisen bei diesen »Heilungen«, die sie sich nicht erklären können, auf das Wunder.

Das vollzieht sich folgendermaßen:

Die Kranken kommen in langen Zügen an: die Eisenbahn, eine Privatgesellschaft, die durch Lourdes ein glänzendes Geschäft macht, gibt ermäßigte Karten aus. In Lourdes selbst werden die Kranken nur von katholischen Schwestern gepflegt, aber nicht ärztlich behandelt, wenn nicht Not am Mann ist. Nun gehen die Kranken an die Grotte, beten dort, dann begeben sie sich zur Wunderquelle (die dem großen Publikum verschlossen ist), und dort werden sie, immer unter den Gebeten der Menge, die man von draußen hört, gebadet. Ich habe das mit ansehen dürfen – es ist unsagbar unappetitlich. Das schmutzige Wasser, in das täglich Hunderte von Personen getaucht werden, wird nur einmal am Tag erneuert; man kann sich denken, wie diese fettige Brühe aussieht. (Daß wenig Ansteckungen vorkommen, schreibt die Kirche gleichfalls der Mutter Maria aufs Konto.) Gottesdienste in der Kirche und unter freiem Himmel wechseln miteinander ab; das Ganze dauert für jeden Pilgerzug etwa drei Tage, den Abschluß bildet eine große Fackelprozession am Abend, dann ziehen die Pilgerscharen wieder ab. Man hört alle Völker: Franzosen, Engländer, sehr viel Slawen, auch Deutsche.

Wunder oder nicht –?

Nach sorgfältiger Lektüre der sehr großen Literatur darf ich sagen: Wenn überhaupt von wirklichen Heilungen gesprochen werden kann, so liegt hier eine raffinierte Ausnutzung der Suggestion vor. Es gibt Krankheitsbilder, besonders unter den Hysterischen, wo die Einwirkung des Willens zweifellos organische Veränderungen hervorruft. Natürlich wächst keinem ein Arm nach; es gibt aber, wie die Psychoanalyse festgestellt hat, eine Flucht in die Krankheit: der Kranke wird mit dem Leben nicht mehr fertig und flüchtet sich in die Krankheit, weil er zu schwach ist, noch gesund zu sein. Es gibt auch solche Kranke, die mit ihrem Leiden eine Beachtung erzwingen wollen, die ihnen sonst nicht zuteil wird ... jeder kennt diese Fälle. Damit verbunden ist sehr oft eine wirkliche Veranlagung zur Krankheit: die Krankheit ist nicht etwa – wie beim Versicherungsschwindel – vorgetäuscht, sondern durchaus echt. Nur sind ihre Keime rein seelischer Natur. Daher besteht die Möglichkeit, auf die Krankheitsursache seelisch einzuwirken, und das geschieht in Lourdes.

Es ist unsäglich viel gelogen worden um diese Heilungen. Die Heilerfolge hat man maßlos übertrieben: man hat Besserungen, die nur tagelang angehalten haben, für dauernd ausgegeben: Krankheitsbilder sind verfälscht worden, die Untersuchungen haben sich auf höchst zweifelhafte Zeugnisse und nicht auf den Augenschein gestützt, was ja auch gar nicht anders möglich ist: dazu müßte man jeden einzelnen Kranken vor und nach der Quellenwaschung untersuchen.

Im übrigen gibt es zwei untrügliche Zeichen dafür, dass hier eine Naturkraft und kein Wunder am Werk ist:

Es gibt erstens keinen Geheilten, der aus Lourdes selbst stammt. Auf die Einwohner dieser Stadt wirkt nämlich der Zauber der Stätte nicht mehr; sie kennen das alles schon, sie sehen den Apparat jeden Tag schnurren – und es ist außerordentlich bezeichnend, dass Kranke aus Lourdes tagelange Reisen zu einem französischen Wunderdoktor gemacht haben, aber nicht an ihre Quelle gegangen sind.

Das zweite Zeichen: es gibt keine Heilungen im Winter. Im Winter kommen nämlich die großen Prozessionen nicht nach Lourdes, sondern nur einige Einzelpilger; diese einzelnen Leute nun unterliegen nicht der Beeinflussung durch die brodelnden Massen, keine Gebete schwingen sich zum Himmel empor, die eindrucksvollen Kulissen fehlen, die große Geistlichkeit im Ornat ist nicht da ... es fehlt das große Theater von Lourdes. Die Wahrheit ist: es werden keine Wunder in Lourdes getan.

Lourdes, das für viele Kranke wegen der Ansteckungsgefahr und der Anstrengungen auf dem Transport eine Gefahrenquelle ist, Lourdes zu schließen, kann die französische Regierung nicht wagen; dazu ist die Macht der Kirche in Frankreich zu groß.

Die Kirche, dieses Warenhaus der Metaphysik, liefert auch hier nur Massenware. Das äußere Bild ist würdig: man sieht keine Betrunkenen, die Geistlichen benehmen sich ruhig, im Vollgefühl ihrer Macht ... aber was da geboten wird, wirkt doch nur auf Leute, die niemals aus ihrem Kaff herausgekommen sind: auf kleine Fischer, Handwerker aus kleinen Städten, auf die Bauern vom Lande, die Mund und Nase vor so viel Pracht aufsperren ... Wir nennen diese Pracht: Kitsch – es ist unfaßlich, wie man so viel Geschmacklosigkeiten nebeneinander dulden kann. Und das nicht nur in den Ansichtskartenläden, wo man die schauerlichsten Erinnerungen aufgebaut findet – nein, in den Kirchen selbst gleißt es von Gold und Silber und schreienden Farben, Fahnen hängen dort und – wie auch an der Grotte – die Krücken der angeblich Geheilten ... es ist ein böser Jahrmarkt.

Unsere Ärzte haben manche Fehler gemacht, das ist wahr. Ein Teil von ihnen ist rein darwinistisch erzogen: die ältere Schule lehnt alles Seelische ab und will die Krankheiten mechanistisch heilen, so, wie man einen nicht funktionierenden Motor wieder in Ordnung bringt ... was falsch ist. Aber immer noch lieber einen guten deutschen Arzt als diesen Rummelplatz des buntesten Aberglaubens. Mit echter Religion hat das nur noch wenig zu tun. Der aufgeklärte Arbeiter wird, um die Welt kennenzulernen, auch dieses zur Kenntnis nehmen, es studieren und sich bessern Dingen zuwenden.

 

 

Ignaz Wrobel

Arbeiter Illustrierte Zeitung, 07.07.1929, Nr. 28, S. 4.





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