Was fehlt dem Kino?


In dem großen Filmwerk ›Madame Dubarry‹ hat sich der vortragende Minister Ludwigs des Fünfzehnten darüber zu entrüsten, dass sein König ihn zur Erledigung der Geschäfte ›im Lustschloß seiner Mätresse‹ empfängt. Das ist ein grober psychologischer Schnitzer. So empfindet heute vielleicht der Geschichtsforscher – aber niemals ein Mann der damaligen Zeit. Dieser sittlich entrüstete Minister ist ein Filmsymptom. Er kommt in jedem Film vor.

Es gibt wohl kaum einen Film, in dem nicht an irgendeiner Stelle ein falsches Versatzstück, ein Anachronismus, eine dicke Geschmacklosigkeit störten. Rokoko und Barock wimmeln durcheinander, weil die Regisseure den Unterschied nicht kannten; in einem Biedermeierzimmer werden Petroleumlampen angezündet, die es damals so wenig gegeben hat wie elektrisches Licht – man brauche Öllampen – klobige Unmöglichkeiten sind aufeinandergehäuft, und man kann nicht einmal sagen, dass sie um der Wirkung willen da sind – es ist Schwäche und Unfähigkeit und Mangel ... woran?

An einem Bremser. An einem Mann mit Takt und Geschmack, der dem filmwütigen Regisseur in den Arm fallen müßte und sagte: das geht nicht. Das darfst du nicht. Das tut man nicht. Aber der weiß es besser, und so haben wir die traurige Erscheinung, dass das Kino heute noch nicht seinen Hintertreppengeruch abgestreift hat. Ob es überhaupt etwas mit der Kunst zu tun hat, ob die Reproduktion der Maschinen die Kunst nicht ausschaltet, ob es je künstlerisch auszuwerten sein wird, ist hier nicht zu erörtern. Tatsache ist, dass ein geschmackvoller Zuschauer fast in jedem Programm den bekannten Schlag in die Herzgrube verspürt.

Nun wirkt das um so peinlicher, als sich die Filmindustrie heute mehr denn je daran macht, die Literatur zu verfilmen. Die Haltung dieses Blattes in der Streitfrage des verfilmten Dichterwerkes ist bekannt – wie man aber auch dazu stehen mag: sicher ist, daß eine solche Verfilmung von Leuten vorgenommen werden müßte, die über dem Filmregisseur stehen und nicht unter ihm. Gewiß, er hat die Kenntnis der Branche voraus. Er kennt seine Leute, mit denen er arbeitet, er weiß, was aus den einzelnen Schauspielern herauszuholen ist und was nicht. Er weiß, wie man einen Abgang gut herausbringt und einen Auftritt inszeniert, und was die Massenszenen anbetrifft, so kann ihm da heute keiner mehr etwas erzählen. Aber was weiß er von der Literatur und vom Geschmack und von der Psychologie? – Wenig, zart gesagt.

Als Meßter damals anfing, die ersten kleinen Filme zu stellen, ging man bald dazu über, sich einen Innenarchitekten zu verschreiben, der die Dekorationen aufzubauen hatte. Erst viel später begannen kühne Neuerer, auch den Maler hinzuziehen, der das Bildhafte zu besorgen hatte. Der Filmregisseur hat damals gemurrt: was wollte ein Malersmann beim Film? Das verstand er alles viel besser. Und überhaupt ... Heute würde der verlacht werden, der einen großen Film aufbaut, ohne den Maler gefragt zu haben, wie die Bilder wohl auf ihn wirkten. Aber weiter ist man noch nicht. Am Kern der Sache ist man noch nicht.

Der Kern der Sache ist der, dass die Seele des Filmwerks – denn irgendeine hat es ja – heute noch in Händen von Leuten ruht, die selbst keine haben. Wie seelenlos ist das alles! Wie äußerlich! Wie ganz und gar an der Oberfläche haftend! Wir haben neulich mit Schaudern ein solches Beispiel erlebt. Da hatten sie den ›Prinz Kuckuck‹ verfilmt, und wenn der gute Ottju das aus dem Fegefeuer, in dem er sich wahrscheinlich seiner vielen schlimmen Gedichte wegen befindet, angesehen hat, dann hat er sicherlich ein noch viel verdammenswerteres gemacht, vor lauter Zorn und Ärger. Es war wieder die alte Geschichte: alles Bildhafte war von dem Maler, der die Angelegenheit bearbeitet hatte, in musterhafter Weise gelöst worden – von der Seele des Romans spürtest du keinen Hauch. Das Ganze hatte gar nichts mit dem ›Prinzen Kuckuck‹ zu tun – es war irgendeine Mordstragödie, die zufällig denselben Namen hatte. Man hatte eben einen Maler, aber keinen – keinen was?

Nennt den Mann Dramaturgen. Nennt ihn Literaten. Sucht euch einen Namen für ihn aus. Aber es genügt nun nicht, sich irgend einen Namen von Klang zu kaufen und mit dem krebsen zu gehen. Es fragt sich vor allem, wie viel ein solcher Mann zu sagen hat. Er muß in Dingen des Geschmacks, der Psychologie, der Motivierung, der kulturhistorischen Gestaltung unbedingt erste und oberste Instanz sein. Wird ihm letzten Endes vom Unternehmer gesagt: »Man muß das schon so machen, wegen des Publikums, und sonst kauft den Film keiner« – dann ist er überflüssig. Man muß es eben nicht so machen, weil man ja dauernd den Anspruch erhebt, ernst genommen zu werden, unter die hohen Künste aufgenommen zu werden. Und so wie Goethe von Menschen gesagt hat, er würde sie, wären sie Bücher, nicht lesen, so habe ich häufig das Gefühl: Mit dem Regisseur würdest du keine zwei Worte sprechen können und wollen – warum sollst du dir die Leistung eines solchen Gehirns ansehen?

Was dem Kino fehlt, ist der maßgebende und durchdringende Einfluß der Männer von Geschmack und Bildung. Verträgt es diesen Einfluß wirtschaftlich nicht, so ist es gerichtet. Verträgt es ihn aber – und ich glaube, dass es sich heute diesen Luxus getrost erlauben kann –, so bedeutet es eine Vernachlässigung der Filmindustrie, sich solche Männer nicht heranzuziehen. Es gibt sie.

Das Odium, das dem Kino immer noch anhaftet, wäre zu beseitigen. Es ist so nicht zu beseitigen, wenn in den ernstesten Filmen die Unternehmer nicht einmal imstande sind, die Textinschriften in richtigem Deutsch abfassen zu lassen, geschweige denn, Charaktere darzustellen und Anachronismen zu vermeiden. Und es ist auch kaufmännisch unklug, mit minderwertigem Zeugs Geld ›scheffeln‹ zu wollen – denn der Goldstrom läßt bald nach. Auf die Dauer erhält sich doch immer nur der solide Kaufmann, der den Leuten gute Ware liefert. Er überdauert den Schieber, der schnell massenhaft Geld verdient hat, und sich in ein paar Jahren nach neuen Erwerbsquellen umsehen muß, weil die alten versiegt sind.

Was fehlt dem Kino? – Der Dramaturg.

 

 

Ignaz Wrobel

Berliner Tageblatt, 02.11.1919, Nr. 520.





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