Jaurès im Panthéon


Es ist totenstill. Unter dem grau verhangenen Winterhimmel warten die Tausende – der Beginn des Zuges steht, sacht ansteigend, auf der Concorde-Brücke, man sieht die roten Fahnen und die ersten Männergruppen, entblößten Hauptes. Auf der großen Freitreppe des Palais Bourbon, darin die Deputierten tagen, steht vor einer Ungeheuern blau-weiß-roten Dekoration ein schwarzer Katafalk; daneben auf jeder Seite sechs Arbeitsmänner in blauen Blusen, mit schwarzen Kappen und der Hacke in den Händen. Arbeiter aus Carmaux, seinem Wahlkreis. Hinter dem Katafalk rollt ohne Musik ein langer Trommelwirbel – die weite Fahne wogt leise. Niemand spricht, ein einziges Herz schlägt. Und mahnt. Ein zweiter großer Katafalk, wie ein Tank anzusehen und von sechzig Arbeitern getragen, nimmt die Asche dessen auf, der noch zu allerletzt gemahnt und gewarnt und für das zu bewahrende Leben der andern sein Leben hingegeben hat. Herriot mit seinen Ministern, Nollet und den andern, geht an uns vorüber, oben stehen die Arbeiter und kein Soldat. Und kein Soldat, Langsam setzt sich der Zug in Bewegung.

Am 31. Juli 1914 hat ein Leser der französischen Lokalanzeiger im Café du Croissant der rue Montmartre den großen Sozialisten Jean Jaurès ermordet. Der war noch am Morgen dieses Tages ins Parlament gestürzt, die Nachricht von der deutschen Verkündigung des ›Kriegsgefahrzustandes‹ in der Tasche, hatte die genaue Bedeutung des Wortes im Lexikon nachgeschlagen und in unverwüstlichem Glauben ausgerufen: »Ce n'est pas encore la guerre!« Zwei Stunden später hatte sich die Voraussage eines der französischen Staatssekretäre erfüllt – der, der immer gegen den Völkerkrieg aufgerufen hatte, lag tot auf dem Tisch eines Restaurants in Paris, Heute hängt da eine Gedenktafel, die den Mord und die Erinnerung an den Gemordeten aufzeichnet. Schon früher hatte man sie anbringen wollen – aber Herr Poincaré war der Meinung gewesen, es sei nicht opportun. Was ihn nicht gehindert hat, nun, da jener tot ist, ihm in einem schmeichelhaften Brief an eine Redaktion seine Ehrung darzubringen.

Die französische Regierung Herriot hat den ersten Toten des Weltkrieges nach zehn Jahren, am 23, November 1924, ins Panthéon überführen lassen, die größte Ehrung, die dieses Volk zu vergeben hat. Die Asche hatte schon in Albi geruht, wo Jaurès am Lyceum gelehrt hatte. Er ist ein schlichter Mann gewesen, und diese pompöse Ehrung galt zwar ihm, aber sie gilt seiner Idee, seinen Idealen und seiner politischen Welt. Diese Überführung ist eine Ehrung, eine Erinnerung, eine Mahnung und ein Bekenntnis.

Langsam, langsam schwankt das Schaugerüst durch den konservativen Boulevard Saint-Germain. Hinter uns mögen vielleicht dreißigtausend Menschen gehen; dreht man den Kopf rückwärts, so sieht man in einen wandelnden Wald roter Fahnen. Hier stehen an den Seiten Soldaten, die vor den dichten Menschenmassen Spalier bilden, mit angefaßtem Gewehr. An manchen Stellen sind Lautsprecher angebracht, in ihnen kocht Musik. Wir, die Delegierten der Deutschen Liga für Menschenrechte, gehen ungefähr sechzig Schritt hinter der Spitze. Und wo die Träger mit ihrer Last anlangen, steigt ein einziger Schrei auf; eine Dreiviertelstunde lang hören wir dieses Reihenrufen, man unterscheidet: »Vive Jaurès!« und immer, immer wieder: »A bas la guerre!« Ganz vereinzelt eine abweisende Gebärde und wohl ein Pfiff: das sind die Camelots du Roy und die Camelots du roi Sinowjew. Vor einer Querstraße wird die mitziehende Menge lebhaft, die »Hu!« ertönen, Pfiffe, Verwünschungen, Hier wohnt der böse Geist von Paris: Leon Daudet. Vorüber zieht der unermeßliche Zug an dieser Ludendorff-Filiale in Frankreich.

Da gehen: die internationalen Delegationen, Vandervelde ist unter ihnen und Tom Shaw; die Freimaurer mit ihren blauroten Schärpen, Männer, die vielleicht nicht ahnen, dass es in Deutschland ›Brüder‹ in den Landeslogen gibt, die den freimaurerischen Gedanken durch Völkerhaß und dumpfe Verblendung schänden; die französische Liga für Menschenrechte, die unter den vorbereitenden Organisationen dieser Ehrung die erste Stelle einnimmt; die Abordnungen aller sozialistischen Parteien, Arbeiter, Vereine, Frauen und Männer. Vor uns: die Regierung, die Magistratsvertreter von Paris, der Bruder von Jaurès. Alle, alle gehen mit. Sie haben ihn geliebt. Sie stellten sein Bild zwischen ihre Familienbilder, und einer, der gefragt wurde, warum er geweihten Buchsbaum hinter den Rahmen gesteckt habe, sagte: »Er ist der Heilige des Friedens!« Vielleicht der einzige: die andern waren ja sämtlich unter die Fahnen gerückt ...

Er fiel als erster. Wo mag, während wir unter dem nebligen Wintertag gehen, der Mörder sein? Er ist gut davongekommen: ein Fleck französischer nationalistischer Justiz. Er soll interniert worden sein; andre behaupten, er sei in Freiheit, sei irgendein Concierge ... Vielleicht ißt er jetzt grade in stiller Ruhe Mittag. Guten Appetit –! Auf den Redaktionssesseln sitzen die (bezahlten) Schuldigen und wissen von nichts, haben es nicht so gemeint, taten nur ihre vaterländische Pflicht ... Er war der erste. Das Gesindel, das nicht an den Millionen Verfaulter genug hatte, wütete nachher im Bürgerkrieg weiter: die uniformierten Edelmenschen warfen die sechzigjährige Rosa Luxemburg ins Wasser, fielen über den wehrlosen Karl Liebknecht zu sechsen unter dunkeln Bäumen her, logen vor Gericht, kniffen und wurden schließlich aus dem Gefängnis befreit. Erzberger verblutete auf der Chaussee; die beiden ehemaligen deutschen Offiziere, die wie die Strauchdiebe hinter ihm her waren, sahen von einer Anhöhe zu, bis er zu Ende gezuckt hatte. Rathenau fiel; seine Mörder, die ehemaligen deutschen Offiziere, hatten tausendfache Hilfe in allen ihren Lagern gehabt. Kein nationalistischer Verband hat sich jemals aufgeschwungen, auch nur schandenhalber diese Lumpen von sich abzuschütteln. Es war ihr Werk, ihr Fleisch und Blut, es waren ihre Leute. Hugo Haase fiel – wie mag da einer aufgeatmet haben! –; was in dem großen Gemetzel lebend davonkam, fiel in die Hände der Richter und wurde da besorgt und aufgehoben.

Man sagt immer: »Aber die Idee konnten sie nicht töten!« Die Idee nicht. Aber jener ist tot. Mag er tausendmal Märtyrer sein, mag manches der Opfer, wie man hinterher zu sagen pflegt, »zur rechten Zeit gestorben sein« – eine tote Rosa Luxemburg ist ungefährlich, unschädlich, dahin. Und was eine führerlose Gruppe für ein Schicksal erleidet, ist ja an den deutschen Kommunisten zu sehen, an denen der deutsche Staat bodenloses, unsittliches, rohes Unrecht verübt. Über siebentausend sitzen. Um der Ordnung willen – um dieser Ordnung willen.

Weiter geht der Zug. Jetzt biegt er in den Boulevard Saint-Michel ein, dichter wird das Gedränge, lauter die Rufe. Alle Fenster stecken voll Leute, oben auf den Dächern stehn sie, auf den Bäumen, auf den Laternen. »A bas la guerre! A bas la guerre!« Der Schrei ist aus den winterlichen Straßen aufgestiegen – kein kleiner Landgerichtsrat in Berlin und kein Staatsanwalt in rotem Talar zu Leipzig kann ihn ersticken. A bas la guerre!

Jetzt macht die Spitze eine Schwenkung – da liegt das Panthéon. Der ein wenig kalte Bau liegt heute im schleiernden Grau – so tief ziehen die Regenschwaden. Seine Spitze ist kaum zu sehen; sie verliert sich im silbrigen Nebel. Das Haus ist so unwirklich, in das der da einzieht. Halt.

Da steht der Abguß seiner Büste aus Albi. Der Redner Jaurès ist es, den sie abgebildet haben: der starke, untersetzte Mann steht hinter einer Balustrade, in vorgebeugter Haltung, er sagt grade etwas Eindringliches, er bittet, er beschwört – die Figur ruft: Es darf nicht sein! Es soll nicht sein! Es kann ja nicht sein! ... Es war.

Grünlichhell flackern im Panthéon die Flammen in den großen Schalen, Herriot spricht. Die Stimme hallt. Und der Mann bekennt sich zu dem, der den Frieden gewollt hat. Ein voller Chorgesang strömt über die Asche.

Draußen wallt es auf den Straßen – nach den Sozialisten die Kommunisten; ohne organisatorischen Zusammenhang miteinander. Sie tragen Schilder: »Amnestie!« und, auch sie: »Krieg dem Kriege!« Sie bestreiten Herriot die Berechtigung, Jaurès zu feiern, der einer der ihren gewesen sei – aber in ihrer Gesamtheit sind sie doch klug genug, eine Manifestation nicht zu stören, die gegen den gemeinsamen Feind geht. Und alle defilieren noch einmal an der Büste vor dem Panthéon vorbei – zwanzigtausend Sozialdemokraten und fünfzehntausend Kommunisten und die Zehntausende, die sich anschließen. Der Vorbeimarsch dauert zweiundeinehalbe Stunde. Die Gruppen der Kommunisten sind lebhafter, viel mehr bei ihrer Sache als die andern, aufgeregt und durchtost von Liedern und Gebraus. In manchen Zügen gehen die Männer der Reihen Hand in Hand, verbrüdert, zusammengeschweißt.

Jetzt ist es dunkler geworden, noch haben sich die Straßen nicht beruhigt, immer noch ziehen, den ganzen Damm ausfüllend, die breiten Züge der Demonstranten, die Leute stauen sich, schieben sich langsam vorwärts, es brodelt und ruft, Kapellen spielen, und alles singt. Die Internationale.

Welche? Die zweite? Die dritte? Aber die deutschen Bürger stehen vor der nullten.

Denn hier streiten sich die Leute, gewissermaßen, um den Unterschied zwischen französischer und russischer Literatur – und die deutsche herrschende Klasse kann noch nicht einmal lesen! Es ist ja nicht wahr, dass sie begriffen haben: immer noch sehen sie das einzige Heil in einem ›Großdeutschland‹, oder wie dieser Unfug heißen mag; immer noch glauben sie alle, es käme alles wieder, wie es gewesen ist; immer noch sehen alle ihr Geschäft und die Geschäfte, Staatsgrenzen und die absolute Unterdrückung der Arbeitenden, die man – vielleicht – mit Ach und Krach ›wohltätig‹ tröstet.

Es kommt nichts wieder. Und wenn die ganze Beamtenklasse, die Berufssoldaten, die bezahlte Presse, die Lehrer und die Universitätsprofessoren, alle bis herunter zu den Richtern in ohnmächtiger oder mächtiger Wut gegen ihre Zeit antoben, wenn sie schlagen und prügeln lassen, einsperren, vernichten und aufs Pflaster werfen – es hilft nicht. In der Welt ist etwas am Werk, das sie zwingen wird, andre Produktionssysteme, andre Vergesellschaftungsgruppen, andre Institutionen zu treffen. Sie werden müssen – sie werden nicht gefragt werden.

Die Überführung von Jaurès in das Panthéon ist mehr als eine Geste, Sie ist die Offenbarung des festen Willens einer Regierung und breiter französischer Schichten, im Frieden mit Europa zu leben, im Frieden mit den Nachbarn auszukommen und im Frieden zu arbeiten. Tausende und Tausende warten allerdings auf etwas andres; die Karriere, der Verdienst, die persönliche Geltung und die Verwertung ihrer Fähigkeiten hängen daran. Das niedrigste Gefühl, das im Menschen schlummert: das Hordengefühl, lauert auf den Ausbruch und drapiert sich mit dem Wort ›Vaterland‹.

Deutschland steht heute vor den Wahlen und vor der Wahl.

Es hat zu wählen, ob es ein Räuberstaat unter Räuberstaaten sein will, ob es zurückgehen will: in neues Elend – oder vorwärts: den steinigen, schweren Weg zur Völkervereinigung. Mögen Rückschläge erfolgen, mögen sozialistische Regierungen an wirtschaftlichen Gruppen, die heute noch mächtiger sind als sie, scheitern, mögen zur Macht gelangte Demokraten Erwartungen enttäuschen, weil sie glauben, Staatsmacht und Ausbeuterprosperität seien selbstverständliche Voraussetzungen, unter denen man getrost riskieren dürfe, einige nichtssagende Floskeln in Verfassungen zu setzen – die Absatzländer für eine ungehemmte Produktion, die in ödem Stumpfsinn ihre überflüssigen Produkte in die Welt hineinpreßt, um des Verdienstes weniger willen, sind nicht mehr gegeben.

Jaurès war nur einer. Millionen und Millionen aber sehnen sich heute nach wirtschaftlicher Freiheit. In Frankreich werden sie, wie die Dinge liegen, gar nicht daran denken, noch einmal ›für die Großen‹ sterben zu gehen. Das ist vorbei. Wenn Deutschland einsehen wird, dass die Parole Schwarz-Rot-Gold allein nicht genügt, dass es nicht darauf ankommt, demagogisch Massen aufzurütteln, um irgendwelche Stimmzettel abzugeben, sondern dass die kleinste Zelle, die Familie, das Geschäft, das kleine Amtsbüro, die Kommune durchtränkt sein müssen von dem festen Willen, miteinander und nicht voneinander zu leben – so hat es die richtige Wahl getroffen. Entschließt es sich, diese Alten, die nie jung gewesen sind, aus seinen politischen Organisationen hinauszuwerfen, entschließt es sich, endlich, endlich einmal den abgewirtschafteten Typen der politischen Bürokratie klar zu machen, dass ihre Zeit um ist – so hat es einen größern Sieg errungen, als es ihn 1914 erringen wollte, und als ihn heute noch so viele Deutsche ersehnen. Dann ist Jaurès nicht umsonst gestorben.

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 02.12.1924, Nr. 49, S. 823.





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