In Reserve


Unteroffizier: »Warum hat Er den Mantel nicht gerollt?«

Schildwache: »Ich habe ihn angezogen, weil es regnet.«

Unteroffizier: »Was nützt mich der Mantel, wenn er nicht gerollt ist –!«

Alte Anekdote


Wer einen kleinen Vorrat hat, der hat gern einen kleinen Vorrat. Es ist das Zeichen des Klugen, sich niemals ganz zu verausgaben; etwas legt sich ein solcher gern in die Reserve, für alle Fälle, man kann nie wissen ... Und da liegt es denn.

Nun müßte man denken, dass bei Notfällen der Bedrängte ohne viel Skrupel in den Notvorrat greift ... Weit gefehlt. Fast schmerzlich greift er ihn an; gewiß, nun ist die augenblickliche Not beendet, das ist ja wahr – aber was ist nun mit dem kleinen Vorrat? Meine Lieben, lasset uns um uns sehen.

Der Bürokrat gibt seine Vorräte an Briefmarken, Formularen, Ausweisen, Geldsorten niemals gern aus. Es plagt ihn, in seinem vollständigen Verzeichnis eine Lücke zu wissen, es geht dies nicht an, und lieber läßt er den hilfeheischenden Steuerzahler wieder davongehen – sonst wäre er kein rechter Bürokrat –, und der geht auch brav davon – sonst wäre er kein rechter Steuerzahler. Besonders der Deutsche denkt viel zuviel und viel zu systematisch, als dass er nicht sorgsam haushielte mit dem, so in seine Macht gegeben ist. Ich habe einmal einen Briefmarkenmann am Schalter beobachtet, der hielt seine wenigen Marken ängstlich zusammen, »weil doch noch jemand kommen könnte ... « Und als man ihm auseinandersetzte, dass dieser Jemand nun da sei, da zuckte er gemartert zusammen – was würde das mit dem nächsten werden? Und klappte sein Fensterchen herunter. Und saß auf seinem Vorrat.

Das ist mehr als ein Überbleibsel aus den Kriegsund Inflationsjahren, wo rationiert werden mußte. Das Pensionsberechtigungsgefühl, tief in unseren Landsleuten verankert, möchte auch hier gern die kleine Sicherheit, nicht groß, aber immerhin ... Neben den Verschwendern, den Bunten, den Sorglosen gibt es die Ordentlichen, die Behutsamen, die Vorsorglichen: sie haben immer noch ein Restchen Baldrian, Zucker, Guttapercha, Streichhölzchen ... Soweit gut und schön. Aber es schneidet ins Herz, wenn man an diesen Vorrat herangehen muß – denn nachher ist man ohne Vorrat, und das tut weh.

Wir bewahren ein bißchen viel auf, mitunter. Da spart sich so einer seinen kleinen Vorrat an Phantasie, Liebe, Lebensfreude sorgsam auf, für bessere Zeiten, nach dem schönen, alten Spruch: »Wenn ich mal erst ... « Aber es kann immerhin geschehen, dass der ganze Vorrat hin ist, wenn der Besitzer an ihn herangeht, verschimmelt die Phantasie, abgestanden die Liebe, verflogen die Lebensfreude. »An kühlem Ort aufzubewahren.« Und hat doch nichts geholfen.

Ist es nicht eine Art Schwäche? Nur kleine Flaschen haben einen Tropfenzähler – sprudelndes Quellwasser wird im allgemeinen nicht rationiert. Wo es quillt, braucht man nicht zu knapsen, nichts aufzubewahren, nicht vorzusorgen ... Vorräte werden dem Verkehr entzogen, schade drum.

Manche drillen so viel, bis sie den Zweck, für den sie üben, gänzlich vergessen haben – ein Jammer um die Mühe. Manche legen zurück und stapeln Vorräte auf und führen Listen – auch über Gefühle, denn das gibts – und für den Ernstfall können sie sich nicht entschließen, den Vorrat einzusetzen, aus Geiz, aus falscher Ordnungsliebe, aus bürokratischer Knickrigkeit. Und so verfault der Vorrat, wie etwa die großen Rollen Sohlenleder im Kriege verkommen sind, die man nie ausgab, lieber ließ man die Soldaten mit zerfetzten Stiefeln herumlaufen – aber zum Schluß wußte niemand, wohin mit den Vorräten ...

Wenn du noch einen kleinen Vorrat Güte hast, lege ihn nicht zurück – »verkommendenfalls – komme sofort«. Gib sie aus, verschwende dich, bist du ein Safe –?

Regnet es, nimm unbesorgt den Mantel herunter und lege ihn um. Dafür ist er. Er nutzt dir gar nichts, gar nichts, gar nichts, wenn er nur gerollt ist.

 

 

Peter Panter

Vossische Zeitung, 17.03.1927.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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