In einer Bar


Das ist eins dieser kleinen Lokale auf dem Kurfürstendamm – ein bißchen bunt, ein bißchen kitschig, mit jener gewollten Eleganz, wie sie nur in Berlin und den norddeutschen Mittelstädten zu finden ist. Die Musik spielt leise einen, die Leute trinken alle sehr teure Sachen und kommen sich sehr fein vor ...

An einem Tisch sitzt ein Mann mit einer Hure. Wenn ich nun ein gebildeter Schriftsteller wäre, einer, der viele Worte um eine eindeutige Sache zu machen weiß, so würde ich ja nun ein netteres Wort finden – aber wir wollen einmal bei der primitiven Bezeichnung bleiben. Es ist wirklich nichts anderes. Und da kommen noch zwei Herren an das Tischchen, zwei Marineoffiziere – von oben bis unten mit Metallblechen und gestickten Kreuzchen und allerhand Indianerabzeichen besteckt, die sie Orden nennen. Und sie reden den Herrn, der da sitzt, mit »Herr Leutnant« an. Ich sehe ein bißchen zu.

Ja, der Herr Leutnant ist recht animiert. Er hat, wie der Berliner zu sagen pflegt, einen kleinen weg. Er ist ziemlich rot im Gesicht, seine blonden Haare sitzen ein wenig unordentlich. Und er beginnt, leise und dann lauter, mit der Musik mitzusingen.

Und die da bei ihm sitzt, bettelt ihm ein Tatarbeefsteak ab, und er läßt es ihr kommen und bestellt es immerhin so laut, dass es alle hören müssen, was er für ein Kerl ist, der sich nicht lumpen läßt – und dann singt er weiter, unbekümmert und forsch, vergnügt, und mit Stimme Nummro vier.

Und ich muß ihn immerzu angucken. Wo habe ich das schon gesehen?

Erinnerungen kommen. Wo? Aber im Kasino. Aber in tausendundein Feldnächten, in jenen verfluchten Mordjahren, die uns das Land gekostet haben und Deutschland die Weltgeltung. Da saßen sie und sangen.

Wie erkenne ich diese Augen! Sie sagen: Morgen um acht Uhr Stiefelappell. Sie sagen: Drei Tage Kasten – weg! Sie sagen: Was sind Sie? Komponist sind Sie? Mist sind Sie! Sie sagen: Hier sind wir die Herren. –

Ich weiß schon. Nicht alle Offiziere sitzen in den berliner Bars und geben ihr Geld – woher haben sie das, heute? – für Sekt und andere süße Dinge aus. Ich weiß schon, wie ihr sagt: Es gibt doch auch ...

Ja, es gibt auch anständige Offiziere. Aber: soweit sie Offiziere waren, taugten sie nichts. Wenn so einer, der sein Leben heute davon fristet, dass es Leute gibt, die Angst vor den Bolschewisten – welch ein fabelhafter Begriff! – haben, wenn so einer mal in die Betrunkenheit rutscht: dann kommt er ganz heraus, dann ist er ganz nackt, enthüllt sich ganz und ist er ganz er selbst: ein preußischer Offizier.

Und das hat dich und mich und uns alle vier Jahre lang kujoniert und gequält und beherrscht – das ist vier Jahre lang in Größenwahn und Menschenverachtung bestärkt worden ... Eine feine Klasse.

Der Herr Leutnant singen noch immer. In allerhöchster dritter Person, blaurot im Gesicht und heftig grölend. Die kostümierten Kameraden werfen siegesbewußte Blicke im Lokal umher. – –

Und ein Volk sitzt dabei und läßt es sich gefallen und wartet geduldig auf das nächste Unheil, das die Herren anzurichten gedenken.

 

 

Ignaz Wrobel

Berliner Volkszeitung, 04.04.1920.





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