Ein Hundstagsbild


Wie kommt es, dass man sich so oft die Hände wäscht und niemals nicht die Füße –?

Altes Sprichwort


Schwer, müde und faul betrittst du die Vorhalle zum Dampfbad. Was das für eine mühselige Sache ist –! Hinfahren und eine Karte lösen und Zettel und Blechmarken in Empfang nehmen und Badewäsche und Seife – fast bereust du deinen Entschluß. Nur die Erinnerung an selig verbrachte Stunden im Bade schiebt dich laß vorwärts. Du trittst ein.

Eine warme, feuchtigkeitsgeschwängerte Luft schlägt dir entgegen. Wasserdampf, beklemmende Nässe, ein Schwaden scharfen Schweißgeruches – du fühlst dich nicht sehr behaglich. Ein dicker, nur oberflächlich bekleideter Mann mit weißen Hosen und freundlichem Trinkgeldlächeln eilt dir entgegen und nimmt eine Menge überflüssiger Manipulationen mit dir vor, die er dir nachher bitter verrechnen wird. Deine ziemlich echte goldene Uhr wird in einen Kasten und du in eine Zelle gesperrt. »Auskleiden!« sagt die Zelle. Mißmutig und faul ziehst du dich aus.

Nachdem du alle deine Sachen auf einen Haufen zusammengelegt hast – bei dieser Gelegenheit wird übrigens dein Charakter ganz offenbar –, trabst du – ein klein wenig fröstelnd, die Haut wartet auf etwas – auf den Gang. An den Füßen hast du dicke Holzsandalen, auf denen trippelst du in die große Halle.

Betäubendes Geschrei empfängt dich. Jungenkörper klatschen in ein großes Bassin, alles prustet, lärmt, patscht und schwimmt unter ohrenbetäubendem Lärm umher. Es ist noch nicht deine Fröhlichkeit, die da spektakelt. Ernst, aber gefaßt begibst du dich in die Nebenräume.

Du duschst. Aaah! – sagt die Haut. Erst erschrickt sie, dann wundert sie sich, dann taut sie auf. Du braust von oben und von unten – du probierst alle Wärmegrade durch, vom piekend heißen, kochenden Wasser bis zum eiskalten Gruß der Antarktis. Die Poren brüllen auf wie unter Peitschenhieben. Unter der kleinen Qual liegt eine tiefe Lust ...

Du trocknest dich nicht, klapperst klitschenaß in die Dampfstuben. In der ersten siehst du nichts vor lauter Wasserdampf, in den Rauchfahnen zieht es wie schwere Wolken. Hinter den Wolken spazieren ernste, aber nackte Männer: unbekleidete Devisenhändler, ausgezogene Grossisten, pudelnackte Regierungsräte, nur mit einer kohlschwarzen Hornbrille bekleidet, die immerzu anläuft und immerzu abgenommen werden muß. Dicke Bäuche schwappen, hagere Knochen stoßen in die Luft. Du drängst dich zwischen nassen Leibern hindurch – wie aristokratisch empfinden wir doch, wenn wir an andere Nasse stoßen! – und du setzt dich schwer atmend auf eine Holzpritsche. Du denkst: »Länger als vier Minuten unter keinen Umständen!« – Aber weil du die Uhr nicht sehen kannst vor lauter Dampf, so werden aus den vier Minuten acht, und du fühlst dich ganz behaglich. Lauter Männerakte. Du stellst Vergleiche an, die dich befriedigen. Möchtest du übrigens die Frau von dem da drüben sein? Nein, sicherlich nicht. Du schätzt die Leute ab, was sie wohl sein mögen. (So etwas täuscht übrigens furchtbar – nachher in Zivil sehen sie alle ganz anders aus: der Adonis ist ein ziemlich gewöhnlicher Kommis und der Amoroso ein mäßig angezogener Schafskopf. Der mit dem Monokel sieht auch nachher genau so aus.) Und dann gehst du in den nächsten Raum.

Im nächsten Raum redet schon keiner mehr – so heiß ist es da drin. »Siebzig Grad!« sagt der schwitzende Wärter, der gleich wieder verschwindet. Die Luft ist schwer vor Hitze, es ist stockstill. Man hört förmlich, wie heiß es ist. Auf den Leibern perlt der Schweiß und läuft in kleinen wässerigen Schnüren langsam herunter, unaufhaltsam. Die Gesichter glänzen. Aller Haut ist glänzend rot. Auch auf die Beine fühlst du es rieseln. Und dann denkst du gar nicht mehr.

Einer verläßt langsam den Raum. Apathisch blickst du ihm nach. Du kommst vor lauter Hitze gar nicht auf den Gedanken, auch hinauszugehen. Du schließt die Augen. Und schwitzt.

Dann – mit einem Ruck – erhebst du dich und gehst wieder zurück. Wie kalt ist es da drinnen! Verachtungsvoll blickst du auf die Masse der hier Schwitzenden! Schwächlinge! Haben sie siebzig Grad um sich herum? Also.

Der Schweiß läuft an dir herunter. Einer neben dir liest Zeitungen – die Blätter sind quatschnaß. Alle tragen metallene Armketten, an denen baumelt ihr Kabinenschlüssel. Männer sind eigentlich freundlich, wenn sie so unter sich sind. Sie sind frei, haben so etwas Friedliches, Nettes, Abgestimmtes. Ernst und gemessen schwitzen sie vor sich hin.

Und dann machst du dich auf, in die Baderäume zu wandeln, allwo dich ein mächtiger Badewärter empfängt, dich auf ein gläsernes Lotterbett hinnötigt – du brauchst ihm gar nichts zu sagen – er weiß schon. Und renkt dir die Knochen aus und zermalmt dich und pinselt dich von oben bis unten mit Seife ein und schrubbt dich ab und reibt mit Holzwolle auf dir herum und hört nicht auf dein Seufzen und nicht auf dein leises Ach! und Au! – Du hast hier nichts zu sagen – du wirst massiert. Und unter die Dusche gesteckt, die alles von dir abspült. Und dann stürzt du dich unter großem Hallo in das Bassin und schwimmst ein paar Stöße – und machst genau so einen Krach wie alle andern – und patscht aus dem Wasser, furchtbar eilig, unter deinen Fersen glänzen kleine Seen am Boden, rieselt das Wasser, gluckst es und klatscht. Hinein in den Bademantel! Du wirst gerubbelt und gerieben, abgetrocknet und wieder abgetrocknet. Dein Haar steht zu Berge. Du bist so

müde ... Und wankst in die Ruhehalle, mit der ganzen Welt versöhnt und seligsüß ermattet. Der Wärter legt dich hin, wickelt dich ein, wie die Mutter ihr Kindlein. Und du bist ihm so dankbar. Noch ein Blick in irgend ein bedrucktes Papier, dann schlummerst du ein – mit jenem idiotisch leeren Ausdruck, den Männer haben, wenn sie schlafen. (»Erlauben Sie mal –!« – »Pst! Fragen Sie Ihre Frau!«) –

Dann wachst du auf. Du wirst frisiert, dein Haar liegt unter der Haube, ein Sklave schneidet dir die Hühneraugen, einer dreht dir in der Geschwindigkeit eine Flasche mit irgend einem probaten unfehlbaren Mittel gegen etwas an, was dir gar nicht fehlt. Du bist schlechtweg selig. Deine Mitbadenden sitzen um dich herum – sie sind dir aus irgend einem Grunde nicht übermäßig sympathisch. Aber du verzeihst ihnen heute noch einmal, weil du so wundervoll sauber bist. Erwacht aus dem Paradiestraum. Schon lärmt die Stadt leise auf dich ein, in den Zeitungen erregt etwas deine Aufmerksamkeit, ganz von ferne klingeln die Trambahnen. Du reckst dich, dehnst dich, holst deine Uhr aus ihrem Kasten. Und bist ein neuer Mensch. Und der neue Mensch will vor allem mal einen Kognak trinken. Und das geschieht. Und dann gehst du auf die Straße – Und nun kann es wieder losgehen.

 

 

Peter Panter

8-Uhr Abendblatt, 13.07.1923, Nr. 160.





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