Hermann Kesten, ›24 neue deutsche Erzähler‹


Ein Roman-Thema ... Ja, was bearbeiten denn heute so die jungen Erzähler? Laßt uns sehen. ›24 neue deutsche Erzähler‹ herausgegeben von Hermann Kesten (erschienen bei Gustav Kiepenheuer in Berlin). Hm ...

Vielleicht wäre es gut, dieser sehr sauber gearbeiteten Anthologie den Untertitel ›Stufen‹ zu geben. Es ist, wie wenn sich diese Autoren entsagungsvoll zu Boden geworfen hätten, damit ihre Leiber Stufen für jene bilden mögen, die da aufwärts schreiten sollen zum Parnass. Nach ihnen. Es stehen sehr hübsche Geschichten in dem Band, es ist beinah alles gut und schön – aber ich werde das bestimmt nicht zum zweiten Mal lesen, und das ist ja eigentlich der wahre Wertmesser eines Buches. Aus Furcht vor Pathos und Ergriffenheit schreiben sie einen kühlen Stil, einer wie der andre, ganz kalt, scheinbar unbeteiligt – »Das ist ja grade das Feine« – ja, ich weiß. Nietzsche sagt zu solcher Kunst: »Eine Art chinesischer Malerei, lauter Vordergrund und alles überfüllt.« Nun wollen wir uns gewiß nicht mehr über jene uralte ›Sachlichkeit‹ unterhalten – aber ich glaube: das ist gar keine. So kann jeder, der nicht kann. Ausnahmen zugegeben: der Humor Marie Luise Fleissers sticht hervor; ein brillantes und lebendiges Kapitelchen F. C. Weiskopfs ist da, der Friseur ›Cimbura‹ aus Prag ... einer macht den Joyce nach, dass es zum Erschrecken ist – aber das wissen wir doch alles. Man kann sich das ausraten. Wenn früher die Geschichte eines Schrankenwärters erzählt wurde, dann konnte man darauf schwören, dass die Sache mit einem Eisenbahnunfall enden würde, und wenn heute weibliche Gefangene in der Zelle gezeigt werden, dann endet das auf Lesbos, es ist eins wie das andre. Ich frage mich nur immer: wo haben die Herren eigentlich ihre Augen! Da witzelt sich einer eine kleine Geschichte zusammen, von einer kaufmännischen Angestellten. Keine Schreibmaschine ohne das, was unterhalb der Tischplatte ist. Gut. Und da läuft so ein Satz unter ... aber ich will doch gleich aus dem Bett fallen, wenn ich diesen Satz nicht einmal aufpuste, dass etwas aus ihm wird. Wie kann man sich das entgehen lassen! »Sie tat sehr stolz«, heißt es von der Stenotypistin, »das Fräulein zählte sich nicht zum Proletariat, weil ihre Eltern mal zugrunde gegangen sind (muß heißen: waren). Sie war überzeugt, dass die Masse nach Schweiß riecht, sie leugnete jede Solidarität und beteiligte sich an keiner Betriebsratswahl. Sie tat sehr stolz, weil sie sich nach einem Sechszylinder sehnte.« Guter Mann, das ist gewiß sehr höhnisch gemeint. Doch der Hohn geht daneben. Natürlich stimmt alles – aber wer hat hier unrecht? Hier hat der Marxismus unrecht, der nicht sieht, dass dieser – sicherlich komische Stolz – auf die Sehnsucht nach dem Sechszylinder eine seelische Realität ist, mit der man zu rechnen hat. Daran ist beinah alles in Deutschland gescheitert: dass ihr die Angestellten als Arbeiter klassifiziert, und sie sind es nicht, sie sind es nicht, sie sind es nicht. Ich weiß, wie und dass man beweisen kann, sie seien es doch. Sie sind es nicht. Ihr erreicht nicht ihr Ohr, weil ihr ihre Sprache nicht sprecht ... ach, wäre das eine schöne Erzählung geworden, wenn Sie den Angestellten wirklich da gepackt hätten, wo er zu fassen ist! Ein Jammer. Immerhin: die Anthologie verlohnt für den, dens angeht, gelesen zu werden. Was der normale Leser damit anfangen kann, ist freilich eine andre Frage.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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