Hégésippe Simon


In allen Städten glaubt man, die allgemeinen Laster und Übel der Menschen und der menschlichen Gesellschaft seien grade diesem Ort eigentümlich. Ich bin niemals irgendwo gewesen, wo ich nicht gehört hätte: hier sind die Weiber eitel und treulos, sie lesen wenig und sind schlecht unterrichtet; hier sind die Leute neugierig auf alles, was einer tut, sie schwätzen und klatschen; hier vermögen Geld, Gunst und Laster alles; hier herrscht der Neid, und die Freundschaften sind hier wenig aufrichtig. In dieser Art geht es weiter, als ob anderswo diese Dinge anders wären. Die Menschen sind erbärmlich aus Notwendigkeit und glauben hartnäckig, sie seien nur aus Zufall so erbärmlich.

Leopardi


Die menschliche Dummheit ist international.

Waren die Dummen früher konfessionslos gefärbt, so schimmern sie heute in allen Farben der Nationalfahnen, die den Kontinent bis zur Geistesschwachheit verdummen. Französische Dummheit schmeckt anders als englische. Zum Beispiel so:

Wer einen einzelnen Redakteur mit einer falschen Einsendung hineinlegt, macht sich einen Spaß, überschätzt aber die Zeitung, weil er sie ernst nimmt. Aber eine ganze Gruppe hineinzulegen ... Das hat im Jahre 1913 der inzwischen verstorbene Journalist Paul Birault gemacht. Er schrieb an die Abgeordneten der radikalen Partei Frankreichs folgenden Zirkularbrief:

 

»Sehr geehrter Herr Abgeordneter!

Dank der Freigebigkeit eines großherzigen Spenders sind die Anhänger Hégésippe Simons endlich in die Lage versetzt, über die Mittel zu verfügen, die für die Errichtung eines Denkmals benötigt werden. Das Denkmal wird diesen Mann, der seiner Zeit vorangeeilt ist, der Vergessenheit entreißen.

Von dem Wunsch beseelt, die Jahrhundertfeier dieses echt demokratischen Erziehers mit allem bürgerlichen Glanz zu begehen (Einfügung Ignaz Wrobels: entschuldigen Sie, ›civique‹ gibts im Deutschen nicht), bitten wir Sie ergebenst um die Erlaubnis, Ihren Namen in die Liste der Ehrenmitglieder des Komitees einzusetzen.

Sollten Sie bei der Einweihungsfeier das Wort ergreifen wollen, werden wir Ihnen das gesamte Material zugänglich machen, das für Ihre Rede vonnöten ist.

Mit den besten Empfehlungen

Ihr sehr ergebener ... «

 

Die Antworten strömten zu Hauf.

Ehrenmitglieder? Das wollten sie sein. Eine Rede halten? Aber mit Wonne. Ein Abgeordneter aus den Pyrenäen bat sofort um das Material für einen Speech; viele andre taten desgleichen.

Nur hatte die Sache einen kleinen Haken. Herrn Hégésippe Simon hat es nie gegeben.

Der Journalist hat sicherlich monatelang an diesem Namen geknobelt, und für ein französisches Ohr ist er ihm gradezu herrlich gelungen. Simon, das kann man leicht behalten, und Hegesippe, das klingt etwas altmodisch, aber nicht zu altmodisch ... und das Ganze war recht vertrauenerweckend, etwa: fortgeschrittner Schüler der École Normale Supérieure. Und so fielen sie denn in Scharen auf diesen Scherz hinein. Der Spaß wurde noch ein wenig fortgesetzt, Ort und Zeit der Feier wurden bekanntgegeben, und es strichen denn auch richtig eine ganze Menge Leute zu dieser Stunde in jenem Park umher ...

Geltungsbedürfnis, Eitelkeit und die menschliche Dummheit der Abgeordneten hatten sich um diesen Kern kristallisiert, den Birault ihnen vorgeworfen hatte.

Dieser Hegesippe Simon ist in Frankreich sehr bekannt; Sie können ihn überall zitieren, den verdienten Mann. Und das ließ nun einen andern Journalisten nicht schlafen.

Man unterschätzt in Deutschland die Intelligenz der ›Action Française‹, und man überschätzt ihren Einfluß. Die Franzosen haben einen geistigen Nationalismus, der nicht in Mystizismus verschwimmt, etwas bei uns ganz und gar Unvorstellbares. Der französische Nationalismus ist auch nicht offensiv; die deutsche Provinzpresse lügt systematisch, wenn sie das behauptet, was ihr diesbezüglich diktiert wird. Dieser Nationalismus ist auch nicht so einflußreich, wie die jungen Franzosen, die mit von der Partie sind, gern behaupten; wäre es so, wie sie es schildern, dann müßten wirklich die gesamte Intelligenz und die Majorität der Studenten Anhänger dieser Gruppe sein, in der Maurras den Kopf und Daudet das Maul repräsentieren, und dann gäbe es heute in Frankreich keine demokratischen Verwaltungsbeamten und keine links gerichteten Lehrer und Richter mehr. Nun ist aber ein erheblicher Teil der Lehrer auf den höhern Schulen demokratisch und die Majorität der Volksschullehrer steht einem integralen Sozialismus nahe, der in Frankreich gern als kommunistisch verschrien wird, was allerdings eine sanfte Täuschung darstellt. Soweit gut.

Nun hatte die ›Action Française‹ da einen Mann sitzen, Alain Mellet. Der dachte sich im Jahre 1929 etwas aus.

Es dürfte vielleicht bekannt sein, dass der Durchschnittsfranzose, den stammelnde Übersetzer gern den »mittlern Franzosen« nennen, keine blasse Ahnung von Geographie hat. Oslo, Koserow und Rio de Janeiro ... so genau kommt das bei ihm nicht drauf an. Diese Schwäche wohl kennend, schickte Herr Mellet seinerseits ein Zirkular in die Welt, und zwar wandte er sich wieder an die Abgeordneten der Linken. (Daß ihm die Rechten ebenso auf den Leim gegangen wären, ist sicher; er hätte dann nur eine andre Leimsorte wählen müssen.) Der Brief lautet ein wenig gekürzt so:

 

»Hochverehrter Herr Abgeordneter!

wir rufen ihr Mitleid und ihr Gerechtigkeitsgefühl an, wenn wir Sie bitten, das Folgende mit Aufmerksamkeit zu lesen:

In diesem unserm zwanzigsten Jahrhundert, das von der lichtvollen Idee des Rechts erfüllt ist, seufzen mehr als hunderttausend unglückliche Poldevianer wie die Sklaven unter dem Joch von ein paar Dutzend Großgrundbesitzern.

Während die Männer in den Fabriken und landwirtschaftlichen Betrieben des Auslands arbeiten, führen die Frauen, die alten Leute und die unmündigen Kinder ein Leben wie die Tiere. Wir sehn keine Hilfe für sie, es sei denn, das Weltgewissen nehme sich ihrer an, jenes Gewissen, das wir in Ihrem Herzen, verehrter Herr Abgeordneter, anrufen.

Wir sind natürlich keine Freunde der Sowjetrepublik, keine Freunde der Ukraine, durch die wir zu viel gelitten haben, aber das muß doch gesagt werden: solche Greuel wären selbst dort, heute, nach der Revolution, nicht mehr möglich.

Und darum bitten wir Sie, sehr geehrter Herr Abgeordneter: helfen Sie uns! Wir wollen von Ihnen keinen Pfennig Geld, sondern etwas viel Wesentlicheres: Ihre moralische Unterstützung, etwa durch ein Schreiben, das wir dann im nächsten Monat der dritten Unterkommission der Generalkommission beim Völkerbund für den Schutz der nationalen Minderheiten unterbreiten können.

Wir danken Ihnen im voraus, sehr geehrter Herr Abgeordneter, für Ihre Antwort, die wir gleichzeitig mit den Äußerungen Ihrer Parlamentskollegen aus dem großen Frankreich der Revolution nach Genf schicken werden!

Für das poldevianische Komitee:

Lyneczi Stantoff. Lamidaëff.«

 

Nun hätten die Herren Abgeordneten nur die Unterschriften dieses Hilfschreis richtig zu lesen brauchen: die ›Action Française‹ wird in Frankreich kurz ›L'A.F.‹ genannt, und der zweite Mann wäre also nichts als ›L'ami d'A. F.‹, der Freund der ›Action Française‹. Der erste aber heißt, wenn man vorsichtig buchstabiert: Herr Inexistantoff, also etwa: Herr Nichtvorhandowski. Außerdem gibts keine Poldevianer.

Doch wußten die Abgeordneten dieses alles mitnichten, und es gab einen Hereinfall, über den sich Paris monatelang amüsierte.

Sie antworteten, und ob sie antworteten!

Ein sozialistischer Abgeordneter aus den Ardennen:

»Ich antworte auf Ihren so schmerzlich bewegten Appell, indem ich Ihnen sage, dass ich als Sozialist auf Seiten der Opfer der Unterdrückung stehe. Mein Herz blutet bei dem Gedanken, dass sich Menschen, die frei und glücklich sein sollten, unter dem Joch der Junker krümmen und seelisch und körperlich leiden.«

»Es ist eine Schande«, schrieb ein andrer, »dass in unserm Jahrhundert wiederum Verbrechen begangen werden, die die Idee der Menschheit besudeln.« Dergleichen fiel ihnen fix und fertig aus dem Mund; politische Gedanken, und nun gar erst politische Phrasen, werden ja in Serien hergestellt, und man hat sie jederzeit zur Verfügung. Einer für alle, und alle für keinen.

Nun klingt doch das im Französischen so schön, es rollt und es dröhnt, da muß man hineingetreten sein:

»Votre cri d'alarme ne peut laisser indifférent un membre du Parlement français, ancien combattant de la grande guerre, descendant de ces glorieux ancêtres de la Révolution qui ont proclamé à la face du monde les droits imprescriptibles de l'homme et du citoyen.«

Worüber wieder jeder seine Witze machen darf, jeder, nur kein deutscher Nationalist. Weil er nicht begreift, was denn hier so dumm karikiert erscheint.

Auch ein Kommunist fehlt nicht: der Genosse Béron:

» ... erlaube ich mir, Ihnen in Erinnerung zu bringen, dass die kommunistische Partei der Kammer sich mehr als einmal gegen die Unterdrückung der nationalen Minderheiten ausgesprochen hat.« Gut. Aber:

»Mit allem Nachdruck unterstreiche ich die Stelle in Ihrem Brief, in der Sie sagen: So etwas wäre bei den Russen nach der Revolution nicht möglich.« Wo er recht hat, hat er recht.

 

Fix und fertig. Fix und fertig liegen die Phrasen in den Gehirnfächern, ein kleiner Anlaß, ein Kurzschluß der Gedanken, und heraus flitzt der Funke der Dummheit.

Wobei noch zu bemerken wäre, dass man vor dem Kriege für ein Individuum mobil machen konnte. Heute muß es schon ein ganzes Volk sein.

Die ›Action Française‹ hat aus diesem Spaß den Schluß gezogen: Da seht ihr es – der Parlamentarismus! Nein, sie hat gar nicht verstanden, was sie da angerichtet hat.

Es ist wohl so, dass die Triebe im Menschen schlummern, eine dösende Wache. Anonym sind sie. Wenn sie aber ans Licht treten, nehmen sie einen Namen an. Sehr beliebt ist heute: Nationalismus.

Der Nationalismus setzt sich aus Motiven zusammen, die mit ihm nichts zu tun haben. Er heißt so. Er ist keiner.

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 15.12.1931, Nr. 50, S. 895.





 © textlog.de 2004-2017 •
Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright