Haus im Neubau


Schräg von unten kann man in die leeren Etagenräume hineinsehen, zwei sind schon geweißt, einer ist im Rohbau fertig, aber unverputzt, der Dachstuhl ragt noch unfertig in die Luft. Die schiefe Perspektive zeigt die dünne Dicke der Wände und den Fußboden. Ein bißchen Beton, die Schicht einer weißlichen Masse, die die Balken umkleidet: das ist alles. Vielleicht vier Finger dick.

Die vier Finger breit trennen die Individualitäten. Das ist schon lange her, früher einmal: da hatte jeder Bürger, der etwas darstellte, ein Haus – der Bauer hatte seins, die Kinder blieben darin, zogen ihre eignen Kinder auf, wo sie selbst gespielt hatten, jede Ecke sagte: Vaterhaus. Das Leben setzte Aura an die Mauern an, die Wände dünsteten die Familienatmosphäre aus, eine ganz bestimmte Luft durchzog das Haus vom Boden bis zum Keller. Unten war die gewichtige Tür. »Er kommt mir nicht über meine Schwelle!« sagte der Vater. Das war ein Wort. Denn der Vater hatte ein Haus, und das Haus hatte eine Schwelle.

Heute wird so ein Ziegel- und Betonkasten rasch errichtet. Es dauert nicht lange, und hopp-hopp-hopp wächst der Würfel aus dem Boden. Die Maurer klatschen rasch und schematisch ihren Mörtel auf die Ziegel, mauern, ein Kran schleppt die Ziegel nach oben, manchmal hängt ein kümmerlicher Kranz auf dem fertiggestellten First – sinnlose Allegorie einer alten Erinnerung: das Richtfest. Jetzt hängt er da, wo die letzten Hypotheken wackeln.

Die Menschen wohnen in Schubladen. Vier Finger breit trennt Lebewesen Schulze von Lebewesen Müller – ein Querschnitt durch das Haus müßte die sonderbarsten Konstatierungen geben, was da alles zu gleicher Zeit geschieht ... Auf den Zeichnungen von George Grosz ist dergleichen zu sehen, und Max Herrmann-Neiße hat einmal ein kleines Gedicht verfertigt, in dem so ein Querschnitt gezogen ist. Sie hören sich gegenseitig ... sie stören sich gegenseitig. Ein Menschenschrank.

Aber es ist merkwürdig: obgleich nichts mehr von der alten Zeit übriggeblieben ist als der vertrocknete Kranz auf dem Giebel – die Leute gebrauchen immer noch dieselben Worte wie damals. »Er kommt mir nicht über meine Schwelle!« sagt der Vater. »Mein Haus steht Ihnen immer offen!« sagt die Großmama. Mein Haus ... meine Schwelle ... Ach, du lieber Gott!

 

 

Kaspar Hauser

Die Weltbühne, 04.09.1924, Nr. 36, S. 365.





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