Haus mit Granaten


In Champigny an der Marne steht ein Haus, da stecken noch Granaten aus dem Kriege 1870/71 drin. Es ist ein kleines, braun angestrichenes Haus, und es liegt in der Rue du Four 18. »Souvenir historique« steht dran, und das ist es ja auch wirklich, wenn man bedenkt, dass damals ein Haus ruhig stehen blieb, nachdem man es einmal beschossen hatte. Es weist Einschlagspuren auf – aber weniger und leichtere als etwa das Mosse-Haus in Berlin vor seiner Renovierung –, und oben, zwischen den Fenstern der ersten und einzigen Etage, steckt noch ein Stückchen Eisen im Mörtel. Als historische Erinnerung hat mans stecken lassen.

Das Ganze wirkt, wie wenn einer in einen Operationssaal, wo es auf Tod und Leben zugegangen ist, käme und sagte: »Oho! Ich auch. Ich habe mir da gestern den Nagel geklemmt, dass es nur so eine Art hatte!« Du lieber Gott, denken die Ärzte.

Übrigens kümmert sich niemand um dieses Monument staatlicher Anarchie. Nicht einmal die Kriegerdenkmäler sind hier sehr populär – obgleich der General Foch vor längerer Zeit einmal einem Jeanned'Arc-Denkmal seine Patronatsweihe gegeben hat, zu Ehren des lieben Gottes, qui s'est montre bon Français. Generale sind auf der ganzen Welt gleich. Manche nur etwas knotiger als der Rest.

Nein, also von diesen Dingen will hier keiner mehr etwas wissen. Es gibt nichts, was so unpopulär wäre wie der Krieg. Hier ist ein so starker Friedenswille – oder sagen wir vielmehr: Wunsch nach Ruhe –, dass unsereins sich in Grund und Boden schämt. Sie haben den Krieg gewonnen, gewonnen, Herr Stresemann (was sich in Deutschland noch nicht herumgesprochen hat) – und in den Kriegsanthologien findet man kaum ein blutrünstiges Gedicht. Ich habe eine durchblättert, die im Verlag der »Renaissance du livre« erschienen ist – die jungen Soldaten, die da in den Gräben gedichtet haben, taten was? Sie beklagten ihre Toten. Die gefallenen Freunde, die Söhne, die Väter ... und nur ganz selten sieht man darin so etwas wie eine Verwünschung des Deutschen.

Das Eisen sitzt im Kalk des alten Hauses. Die französischen Herzen sind ungepanzert und klopfen in menschlichem Takt.

Bei uns sind die Häuser polizeilich in untadligem Zustand. Das Herz sitzt, immer noch, rechts.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 24.07.1924, Nr. 30, S. 159.





 © textlog.de 2004-2017 •
Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright