Das Grammophon


Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist,

Gebt volles Maß! –


Wir haben jetzt im Unterstand auch ein Grammophon. Am Tage geht es hier, im Geschäftszimmer der Kompanie, ernst und sachlich zu. Aber abends, wenn die Meldungen erstattet sind, wenn das Telefon nicht mehr summt, wenn der ganze Hallo vorbei und verrauscht ist, dann setzt einer die Membrane auf, das Ding räuspert sich, krächzt ... und los gehts.

Das Programm ist schon ganz respektabel. Was die leichtgeschürzte Muse angeht, so brillieren da zunächst die Männerquartette, solche, die sonntags nachmittags viere lang mit üppigen Zylinderhüten und weißen Glacisten vor die erstaunte Zuhörerschaft treten, der Tenor knufft den Bariton in die Seite und sagt: »I muaß dir was sag'n!« – und dann sagt ers, aber auf tenorisch: »I hab amal an Rausch g'habt ... « Der Flügelmann von rechts ist ein schwitzender Dicker, er bläst sich ganz auf, und in der Tiefe kocht ihm ein mächtiger Baß.

Man sieht das nicht? Wir rauchen, und wir sehen das. Instrumentalsoli sind da, weinende Celli, klappernde Xylophone und ein Mann, der die Vöglein im Walde gar lieblich nachahmt. Wir haben Potpourris: wenn ein Lied zu Ende ist, schlägt der Mann am Klavier einfach den Septimenakkord der nächsthöheren Tonart an, und die Überleitung ist fertig. Und wir haben die Märsche –! Die Märsche mit dem ganzen Kling, klang, gloria und dem zuckenden Rhythmus des Viervierteltaktes. Das Schönste aber an ihnen sind die Trios: wie da in einer scheinbar weichen Melodie die verhaltene Kraft liegt, die nur einmal einen Augenblick nachläßt, sich entspannt – aber sie ist doch da – es ist, wie wenn jemand nach Monaten wieder in einem Federbett sich wohlig streckt ...

Aber wir haben auch ernste Musik. Mächtige Gesänge von Wagner: wir stoben auseinander, als das erste Mal eine ungeheure Stimme aus dem kleinen Kasten herausbrüllte: »Ach, Elsa, nur ein Jahr –!« Und auch der Abendstern erglänzt uns weit hinaus. Einer ist da, der ist unmusikalisch wie ein Roß; ich habe nie geglaubt, dass Musik ihn überhaupt berühren könnte – aber er legte die Hände wohlig über den Bauch bei Zugehörbringung obgenannten Abendsterns. Ja, ja ... der Wagner ... Und wenn der Sänger seine Tränen aus der Kehle hat rinnen lassen, dann singt die fette Primadonna mit dem hochbezahlten Sopran. »Draußen am Wall bei Sevilla« – es ist geradezu ketzerisch, wie frech dieses Weib die Töne heraustrillert. Sieh, und vor den dunkelroten Samtvorhang tritt ein blasser Mensch – ›Bajatscho‹, wie der Feldwebel, wohl in Anlehnung an seine italienische Hochzeitsreise, zu sagen pflegt – und tut uns kund, dass er mit dem Gesichte zwar lache, innen aber sei er ein Meer von Blut und Tränen. Und so wirbelt das durcheinander – Polkas, mit einer belfernden Klarinette – Hochzeitsmärsche ziehn vorüber, kleine Chöre singen Braut-, beziehungsweise Trauermärsche, und auf blaßblauem Hintergrund wiegt sich eine bonbonrosa Blüte: der Faustwalzer. Sicher ist auch sonst noch allerhand Erzfeindliches unter den Platten – aber hier draußen ist man damit nicht so ängstlich.

Wenn es aber ganz spät geworden ist, dann hole ich meine Privatplatte heraus. Sie ist doppelseitig bespielt: auf der einen Seite trägt sie einen nun schon leicht angejahrten Modewalzer. Er hat den Gegentakt, ist sehr schwer zu tanzen und wird von einem kleinen Orchesterchen gespielt, mit feiner diskreter Besetzung. Das ist meist so gegen zwölf Uhr, der Rauch beißt in die Augen. – Es ist alles so leicht und angenehm und mühelos, wie wenn man in einem schönen weißen Dampfer flußab fährt. Und die Kapelle spielt, nur für mich allein, in memoriam.

Und auf der anderen Seite – es ist eigentlich gar nichts weiter zu erzählen. In dem Vorstadttheater spielten sie damals ein ergreifendes Stück mit Gesang und Tanz. Weil der Raum so groß war wie ein Reitstall, hatte der Herr Regisseur die Schauspieler sicherlich auf der Probe angewiesen, auch den Fünfzig-Pfennig-Plätzen das ihrige zukommen zu lassen. Und ob sie ließen! – Der Fürst brüllte, dass wir in unserer Zwei-Mark-fünfunddreißig-Pfennig-Loge fast von den Stühlen fielen. Und es brüllte die Prinzessin, und der alte Graf schrie, bis er fast platzte, und es brüllte der Intrigant und das junge Liebespaar und alle, alle. Und im Laufe der traurigen Begebenheiten sang Miss Elvira auch dieses Lied, das der Kasten nun spielt. Horch –!

Ich stehe hier ganz alleine,

ich bin eine Bettlerin – – –

Sie hatte ein Armband um das schlanke Bein und war sicher ein gefälliges Mädchen. Und neben mir saß die Claire, voll Übermut, wie wir damals waren, und brachte durch ihre Existenz beinahe die ganze Kapelle aus dem Takt. Durch die Türen des gräflichen Zimmers hindurch sahen wir die Kulissenschieber ihr Bier trinken – und wir waren so glücklich damals und so vergnügt, wie heute nur noch in der Erinnerung, und das will etwas heißen.

Der Kasten hat geendigt. Wir rauchen noch immer. Jeder sieht in die Kerzen.

Sie schreiben jetzt so viel von nationaler Wiedergeburt. Es war sicherlich nicht alles so, wie es sein sollte. Aber was sie jetzt zu Hause aus uns herausdestillieren wollen – – – Also so sollen wir werden? So völkisch, so schauerlich begeistert, so voll zager Fröhlichkeit, wie man es allenfalls Schülern in der Freiviertelstunde gestattet? Ich glaube, hier draußen tut jeder, was er kann. Und freut sich, wenn er eine kleine Abwechslung hat, die ihn an seinen Platz zu Hause erinnert und an sein Wesen und sein Wirken, seine Heimat und seine Welt. Und er denkt sich wohl so, wie er dies und jenes besser machen könnte, wenn er wieder nach Hause kommt.

Aber die nationale Wiedergeburt – – – Da können wir doch nichts Festes versprechen.

 

 

Peter Panter

Simplicissimus, 03.10.1916, Nr. 17, S. 338.





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