Glücksspiel


Nicht grade unsre Sorgen ... Aber die der deutschen Seebäder. Die haben sich zu einer großen Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossen, und »die Dinge, die zunächst angepackt werden, sind das Reichskurortgesetz und die Frage der Zulassung des Glücksspieles in den deutschen Bädern«. Das darf nie erlaubt werden.

»Die verantwortlichen Leiter (wem verantwortlich?) – die verantwortlichen Leiter der Geschicke des deutschen Fremdenverkehrs«, sagt der Syndikus in jenem geschwollenen Stil, ohne den kein deutsches Exposé mehr denkbar ist, »sind heute davon überzeugt, dass das Glücksspiel in Deutschland unter bestimmten Voraussetzungen zugelassen werden muß, um den Bädern zu helfen. Da die Bäder ein Teil der deutschen Wirtschaft sind, so müssen alle Bedenken so lange zurücktreten, bis sich gezeigt hat, was von dieser Zulassung zu erwarten ist.«

Darauf braucht man gar nicht erst zu warten – das ist schon heute ganz klar.

Jedes Primat der Wirtschaft ist unsinnig. Nicht wir haben uns nach der »Wirtschaft«, diesem Abgott und Moloch der Vorstellung gewisser Kreise, zu richten, sondern die Wirtschaft hat sich nach den Menschen zu richten. Wird aber heute in den deutschen Seebädern das Glücksspiel zugelassen, so werden die Folgen die sein:

Es wird sich zunächst das Publikum der Qualität nach verschlechtern. Dem Hotelier ist das vielleicht gleich; uns ist das aber nicht gleich. Man mag nicht an einem Ort, wo sich der Städter von elf Monaten Staub und Arbeit erholt, diese Schieber des Spiels versammelt sehen, die überall auftauchen, wo gespielt wird; nicht diese oberfaulen Kokotten des Bac; spielende Weiber, gewerbsmäßige Spieler, jenes Volk, das in allen Jahrhunderten noch immer an die Spieltische geströmt ist.

Es wird auch in die Badeorte ein sehr ungesunder Zug der Geldverachtung kommen. Wer sich Geld erspielt und nicht arbeitet, achtet es nicht; also werden die Preise steigen, und vielleicht ist dies auch grade beabsichtigt. Sind Spieler im Ort, so können besonders die kleinen Bedarfsgegenstände des täglichen Lebens um zwanzig, dreißig Prozent steigen – den Spielern macht das wenig. Für die Angestellten, die dort hinkommen, ist es von Belang.

Wie die »bestimmten Voraussetzungen« aussehen, unter denen das Spiel gestattet wird, kann man sich denken. Sie werden vor allem in dem bestehen, was der genehmigende Beamte darunter versteht, und das wird eine gradezu unerhörte Vormachtstellung der Bank sein. Es wird also nicht, was auch nicht schön wäre, von gleich zu gleich gespielt werden, sondern das Spielunternehmen wird den Spieler höchst solide ausnehmen. Dies nebenbei – denn Ordnung muß sein.

Die Spielbank aber, die den armen Seebädern helfen soll, weil sie sich selber nicht durch eine vernünftige Preispolitik helfen können, wird viele Menschen, Männer und Frauen, dazu verleiten, Dummheiten zu machen. Selbstmorde ... ? Nein, aber sein Feriengeld verspielen ist auch ganz schön. Dergleichen ist keineswegs nötig. Es wäre auch eine gradezu gemeine Aufreizung, wenn unsre Arbeitslosen in der jetzigen Zeit mitansehen müßten, wie die Leute ihr Geld verspielen. Daß es viele Menschen gibt, die trotz des Gestöhnes über Versailles, womit meist die Arbeiterbewegung gemeint ist, Geld genug haben, um es zu verspielen, wissen wir auch so. Die, die es nicht haben und es doch auf den grünen Tisch legen, sollte man davor bewahren.

Unter den »verantwortlichen Leitern der Seebäder« und ihren Syndici sind gewiß viele gute nationale Männer, die es mächtig mit der Sittlichkeit haben. Sie belästigen mitunter ihre Badegäste mit den albernsten Bestimmungen, wenngleich dies nicht mehr so oft geschieht wie in dem unendlich prüden Frankreich und zum Beispiel in Holland. Aber dieselben deutschen Männer, die vor Sittlichkeit überströmen, wenn ein pazifistischer Film oder ein Film gegen die Geschlechtskrankheiten läuft, scheuen sich nicht, eine so unsittliche und verderbliche Sache, wie es das öffentliche Glücksspiel ist, zu propagieren.

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 09.12.1930, Nr. 50, S. 878.





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