»Ganz Paris«


»Ganz Paris«, steht in der Zeitung zu lesen, »freut sich auf den Abend des neuen Stars.« Schon nicht wahr – denn »ganz Paris« gibt es nur in sehr seltenen Fällen. Diese Stadt besteht aus vielen kleinen Städten.

Ganz abgesehen von der sozialen Schichtung, die Paris wie alle Großstädte aufweist, sind hier die gesellschaftlichen Zellen dichter, enger, kleiner. Es fängt mit den Arrondissements an, die ihrerseits wieder in die »quartiers« zerfallen – und einer, der nicht im Viertel wohnt, gehört einfach nicht dazu. Mag auch der Einwohner anderswohin zur Arbeit gehen –: sein eigentliches Leben spielt sich im Viertel ab; da kennt er jeden Stein und jede Ecke; da weiß er, wo man einkauft, und wo man besser nicht einkauft: er kennt die »tabacs«, die kleinen Lokale, in denen der Monopol-Tabak verkauft wird und in denen man ein Gläschen nehmen kann und dabei erzählt, wie es so zugeht; jeder kennt genau den Charakter seines Viertels, und diese Viertel unterscheiden sich trotz ihrer Kleinheit eines vom andern wie Kleinstädte in Deutschland. Sie haben ihre eigenen kleinen Theater, die ein Jahr nach dem großen Boulevarderfolg das Stück, das damals Mode gewesen ist, nunmehr in geringerer Aufmachung herausbringen, und der sparsame Franzose wartet lieber ein bißchen, weil sie hier nicht solche Eile haben; das Viertel hat seine kleinen Kinos, seine Bäder, seine Delikateßwarenhandlungen und seinen ihm eigenen Geist, seine Farbe, seine Luft. Man könnte über jedes Arrondissement in Paris einen Roman schreiben, und tatsächlich besteht eine Romanserie, in der dieser Versuch unternommen wird. Soviel Arrondissements, soviel Kleinstädte: zwanzig.

Drängte die unselige und völlig verfehlte Baupolitik der Pariser die Leute nicht massenhaft in die »banlieue«, in die Vororte, so sähe Groß-Paris organischer aus. Die nahen Vororte aber sind ein Scheul und ein Greul – ein wirrer Haufen verbauter und geschmackloser Häuser, sinnloser Straßenzüge und eine verfehlte Sache von vorn bis hinten.

Was aber »ganz Paris« angeht, so gibt es das nicht. Was die einen aufregt, davon wissen die andern nichts – und nach den französischen Zeitungen kann man gar nicht gehen, denn die spiegeln höchstens die Wesensart ihrer Besitzer wieder und ihrer Interessenten – mit dem wirklichen Leben haben sie weniger zu tun, als man glaubt. »Ganz Paris« hält die Feiertage inne, und »ganz Paris« hat neulich eine Stromstörung gehabt, die von morgens acht bis abends um acht dauerte – ein Millionenausfall. Hier sind sich einmal alle zwanzig Arrondissements einig gewesen, und alle haben nicht schlecht geflucht. Es wird nicht viel helfen, übrigens. In fast allen andern Fällen aber ist, wenn einer »ganz Paris« sagt, immer zu fragen:

»Welches Paris –?«

 

 

Peter Panter

Tempo, 18.02.1929.





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