Fontane und seine Zeit


Einer, der am 30. Dezember 1919 hundert Jahre geworden wäre, wenn Menschen im allgemeinen so alt werden würden. Und der es nicht geworden wäre.

Dieser märkische Goethe wirkt auf uns so lange nach – nicht als Künstler: denn leicht angestaubt scheinen heute schon seine Romane, in der Technik, in altbacknen Stellen, die unsere Zähne nicht mehr recht beißen wollen, in der Linienführung und schließlich auch in der Anschauung von Gut und Böse. Wir denken anders, wir werten anders, wir fühlen anders, und wir urteilen anders. Und ein solcher Riesenkerl, dass er uns das vergessen machen könnte, war Fontane nicht. Der Romanschreiber Fontane schwindet mit seiner Zeit. Anders stehts schon mit den Gedichten, besonders mit denen aus den letzten Jahren des Alterns. Das sind Töne, die so bald nicht vergehen; da ist Herzschlag und eine weise Resignation, die niemals tränenselig ist. Schlagt die Altersgedichte von Wilhelm Busch auf, und ihr habt in (herrlichen) Versen, noch einmal niederdeutsch, was Fontane auf seine graziöse Art gesagt hat.

Aber der Literaturhistoriker wird diesen Mann nicht ganz erfassen. Er war mehr, ja er war eigentlich erst ganz er selbst, neben der Literatur. Nicht neben der Kunst. Er war kein Lebenskünstler, kein Held und kein Weltbefahrer. Alles, was menschlich und literarisch in den Briefen, in den viel zu wenig gekannten Theaterkritiken reizt, hat irgend etwas mit Kunst zu tun – ist künstlerisch empfunden bis in die Fingerspitzen –: Werke des Mannes aus einer Mischrasse. Märker und Emigranten – dieses Konglomerat hat der Mark Brandenburg schon manchen guten Mann geschenkt. Aber es war ja nicht die Literatur, nicht die Kunst und all das.

Was diesen Mann uns unvergleichlich macht, das ist – wie bei Goethe – die Luft, in der er lebte und die er atmete. Das ist jene Aura um die Dinge seines Seins herum, dieses Undefinierbare, das Fontane zu einem Symbol macht, zu einem Symbol einer Zeit, und mehr; zu dem einer ganzen kleinen Welt. Sie ist dahin.

Was war es denn schließlich mit ihm –? Er schrieb seine Bücher, und arbeitete – er war einer der gewiegtesten Techniker, die die deutsche Literatur je gehabt hat, ohne dass man Versen und Sätzen ansieht, wie sie gebosselt sind – er schrieb und lebte bescheiden daher. Und das Leben auf der großen Weltbühne rauschte vorbei, umbrauste ihn, und er lächelte. Wer so lächeln kann –!

Es war ein Gemisch, ein prachtvolles Gemisch von Lavendelduft und neuer Zeit, wie er sie verstand, aus edelstem Menschentum und jenem Schuß Ironie und Skepsis, die den Mann so anziehend machten. In seinen Augen lag immer das gewisse leichte Zwinkern, der kleine berliner ›Plinzler‹, der die Möglichkeit zum Rückzug offenläßt, und der deshalb jedes Pathos erträglich macht – weil man weiß: der bullert keinen Theaterdonner.

Andere mögen entscheiden, was er uns als Künstler gewesen ist. Thomas Mann tuts in dem neuen Fontane-Gedenkbuch, das jetzt bei S. Fischer in Berlin erschienen ist; in einem wunderschönen Aufsatz (da ist Seelenverwandtschaft) zeigt er den Spießer auf, der gar keiner war, und den Künstler, der jene unstillbare Sehnsucht nach dem Philistertum, nein, nach den Menschen hatte. Andere mögen untersuchen, was er der von ihm versifizierten preußischen Geschichte genommen und gegeben hat, welch ein Theaterkritiker der Mann war und welch ein Briefschreiber. Laßt mich hier den Menschen Fontane betrachten, das Symbol seiner Zeit.

Wie war es denn? Er lebte dahin, wohl wissend, dass alles gedrückt und klein war um ihn, und dass er niemals Geld machen würde, und dass Amerika auch ein Land sei, aber Gott sei Dank – ein fernes. Er lebte und lächelte leise, wenn er merkte, dass ein ordensbedeckter Kanzlist der alten Schule ihm bei Festlichkeiten vorgezogen wurde. Er lächelte, aber es war ein seltsam trauriges Lächeln. Denn er gehörte zu diesen unglückseligen Naturen, die auf der bösen Kippe stehen: auf dem schmalen Grenzseil zwischen Literatur und Leben. Und er liebte beides gleich heiß, und er wußte von beiden viel und sehnte sich nach beiden. Und wenn er das Leben heißer liebte als die Literatur, so geschah das deshalb, weil er ein größerer Literatur war als ein Mann dieses lauten Lebens.

Sein Einfluß reichte weit. Durch die Jahre, durch die Jahrzehnte war der alte Fontane ein Wappenschild, so, wie der alte Raabe eins war oder Wilhelm Busch oder vielleicht noch Keller. Einem Induktionsstrom gleich glitt durch unsere Herzen derselbe Takt des Blutes, wenn wir ihn lasen – die scheinbar improvisierten Verse der Alterszeit und die Briefe, diese vollen, satten, tiefen Briefe.

Das war bis zum Kriege nicht eben ohne Wichtigkeit. Man konnte sich doch damals noch schließlich bei einiger Anstrengung vormachen, die Zeiten hätten sich nur wenig gewandelt, und man sei selber so ein Stück alter Fontane und gehe durch das kleine Hafenstädtchen und verachte durchaus nicht die ›neue Zeit‹ – bewahre! – aber stehe ihr doch ein wenig zweifelnd gegenüber, nicht wahr? und habe so seine eigenen Gedanken, und dies und jenes sei eben ein weites Feld, das man nicht so obenhin beackern könne. Und heute –?

Der alte Fontane ist nicht am 20. September 1898 gestorben. Er starb am 1. August 1914. Er wäre heute etwas völlig Unmögliches.

Nichts dokumentiert den Abstand dieser beiden Weltalter so sehr, wie die Vorstellung, der Alte wandele heute noch unter uns. Jeder reichgewordene Schieber würde ihn verlachen. Nicht wegen seiner hausväterlichen Anschauungen – die sind dem neuen Mann gleich –, sondern wegen seiner Hemmungen, wegen seiner Bedenken, wegen seiner Schwäche. Das Bootsverdeck ist verdammt kleiner geworden, und es ist nun die Frage, wer da hinunter muß und wer oben bleiben darf, »Es ist eine Frage der besseren Ganglien«, sagte mir neulich jemand. Ach, ich fürchte, es wird auf die gröbern hinauslaufen, und die hat nicht jeder. Ein neues Zeitalter ist aufgezogen, und das kommt nicht allein von der Valuta her. Ihr wollt tatkräftige Männer, zum Sinnieren ist jetzt nicht die Zeit, und die Jugend lernt spanisch und will hinaus, auf den Weltmarkt, hinaus, wo es bunt hergeht und laut, und wo die Möglichkeiten schlummern. Liebe, wolltest du nicht auch in die Welt? Ist es nur eine solche Beschaffenheit deines Blutes, die dich ruhelos macht? Du bist ein Kind dieser Zeit; Amerika und die englischen Kolonien und eine Farm und vielleicht die Gesandtschaften in Lissabon – nur Leben, wildestes, bewegtestes Leben! Genrebilder aus dem Biedermeier (denn der alte Herr ist für dich schon fast Biedermeier) – pah! Und wir andern, die wir leider, leider immer noch so fontanisch sind, wir wollen dich halten, halten. Aber die Uhr tickt, und du gehst weiter. Und bist doch nur ein Mädchen; also wie sind die, die du liebst, wie sind deine Männer? Sie sind – in ihren besten Exemplaren – so, dass auch nur ein innerliches Gespräch zwischen ihnen und dem alten Fontane eine Unmöglichkeit wäre. Er war fein und still; er ging über den Asphalt und kannte alle geistigen Leute in Berlin und umspannte gewiß nicht die ganze Menschenwelt, aber alles war so klar und einfach und wohl abgegrenzt – bis hinunter zur Rangordnung der preußischen Verwaltung, die er ironisierte, aber doch irgendwie ernst nahm. Und das konnte er damals ja auch.

Vorbei, vorbei. Dieser Gedenktag bietet noch einmal Anlaß, sich liebevoll in die Einzelheiten dieses kargen und reichen Lebens zu versenken, noch einmal abzutasten, wie er arbeitete und sich mühte, wie er mit freundlichen Händen über die Dinge strich, und wie er so unendlich mühevoll erreichte, was er wollte. Das mögen die Gedenkschreiber untersuchen, das und sein altes Berlin, seine alte Mark. Beide sind endgültig dahin. Vielleicht entwickelt sich einmal aus dem Neuen etwas Ersprießliches, vielleicht geht ein neuer alter Fontane in hundert Jahren durch diese graue Stadt und wird vielleicht – obgleich er uns heute wie ein Löwe erschiene – von seinen Leuten genau so ein ganz klein wenig belächelt wie dieser: mit seiner entzückenden Vorliebe für die kleinen Anekdoten, für das Reale, für die winzige Menschlichkeiten, die aus allen Löchern gucken, mit seinem scharfen Blick und mit seinem tiefen Herzen. Vielleicht. Wir stehen aber da, dass wir Geschichte treiben, wenn wir vom alten Fontane sprechen, wir stehen da, wo die junge Generation wenig von ihm weiß. Und gar nichts von ihm wissen will, und erkennen wieder, dass Geld auf alle Fälle, ob mans hat oder nicht, ein Malheur ist. Worauf der Alte sicherlich ein charmantes Gedicht gemacht hätte ... Aber dann wäre er, lebte er heute noch, schlafen gegangen.

Theodor Fontane ist nicht am 20. September 1898 gestorben, er starb am 1. August 1914 – gerade zu Beginn der großen Zeit.

 

 

Peter Panter

Berliner Tageblatt, 27.12.1919, Nr. 619.





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