Feuerwerk


Die kleinen Bändchen aus dem Verlag der Weißen Bücher in Leipzig kennen wenige. Es sind entzückende Sächelchen darunter, so von Alain und von Bottom, davon ein andres Mal. Diesmal wollen wir uns nur über eines unterhalten, über Chestertons ›Verteidigung des Unsinns, der Demut, des Schundromans und andrer mißachteter Dinge‹.

Seit Oscar Wilde mit seiner Blume im Knopfloch ganz Wien verpestet hat, sind Paradoxa hierorts nicht mehr gesellschaftsfähig. Man tut das einfach nicht mehr. So, wie man die Sauce nicht mit dem Löffel ausschöpft oder den Hausherrn nicht dazu beglückwünscht, dass sein ältester Sohn nun endlich in den Verband Deutscher Bolschewisten eingetreten ist, so wenig sagt man noch: »Die Kunst ist wie die Frau. Beide sind ... ..« Man trägt das längst nicht mehr. Als Harry Walden noch jung war ... Na, da lachen Sie.

Aber so eine Art Feuerwerk ist das hier gar nicht. Haben Sie einmal ein Bild von Chesterton gesehen? Nein? Also stellen Sie sich einen ungeheuer dicken und etwas griesgrämigen Mann vor, mit Kneifer und etwas Schnauzbart, und es ist ja anzunehmen, dass der Verfasser des ›Mannes, der Donnerstag war‹, und der ›Orthodoxie‹ und der ›Häretiker‹ und der ›Magie‹ – dass dieser dicke Mann, sage ich, in dem von Tirpitz mit Erfolg ausgehungerten England in der Zwischenzeit noch dicker geworden ist. Er hat so viel Fett wie Humor.

Ob der ohne Shaw nicht zu denken ist, wie manche behaupten, weiß ich nicht. Kenner der englischen Literatur mögen ergründen, wieviel irischer Humor das ist, und wieviel adaptierter irischer Humor. Jedenfalls ist es eine der lustigsten Arten von Gehirnakrobatik, die sich denken läßt. Das ist im wahrsten Sinne des Wortes paradox – denn dem Schreiber hat erst etwas geschienen, und das hat er übertrudelt. Die Verteidigungen der Planeten, der Detektivgeschichten und des Schundromans gehören zu den besten Leistungen des literarischen Varietés. Rauchen gestattet! Stets wechselndes Programm! Und Sie lachen mehr als in einem deutschen Tivoli.

Am schönsten und hellsten aber strahlt der letzte Aufsatz: ›Verteidigung des Patriotismus‹. Dazu muß allerdings gesagt werden, dass er, pazifistisch, antinationalistisch und ganz befreit von allen Dogmen, vor dem Kriege geschrieben worden ist, vor jener Zeit, wo sogar G. K. Chesterton in der berechtigten Abneigung gegen Potsdam eine Grube fand, in die er hineinfiel, der dicke und kluge Mann – und dass der Aufsatz so recht auf niemand geht. Er ist um seiner selbst willen geschrieben worden. Und das sind meisthin die klügsten Dinge, die wir so einfach dahin sagen: ohne Interesse an jemand, ohne Ranküne gegen einen andern, ohne die Absicht, zu gefallen oder zu mißfallen. Es wäre hübsch, wenn sich recht viele Deutsche an dieser blitzenden Weisheit eines Krämergeistes jenseits des Kanals erfreuten. Wir habens nötig.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 02.10.1919, Nr. 41, S. 428.





 © textlog.de 2004-2017 •
Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright