Fête du Trône


»Fest des Throns? In Paris?« Das könnte Ihnen so passen, Herr Landgerichtsdirektor. Nein, ganz so monarchistisch ist diese Republik doch nicht. ›Fête du Trône‹ ist einfach der Name eines harmlosen großen Jahrmarkts, der ›foire aux pains d'épice‹, des Lebkuchenmarkts. Der steigt alljährlich auf der Place de la Nation, einem Platz, der einmal ›Place du Trône‹ geheißen hat, aber dessen Name dann nach einer kleinen Feierlichkeit im Jahre 1789 geändert wurde. Also ungefähr so wie die Hohenzollernstraßen in der deutschen Republik. Herr Landgerichtsdirektor gehen schon –?

Man denke sich eine Gegend wie etwa die um das Hallesche Tor. Nun stimmen ja solche Vergleiche nie, aber so, ganz oberflächlich betrachtet, sehen für einen Berliner die Straßenzüge um die Place de la Nation aus. Von da geht eine Straße nach Osten (Cours de Vincennes), eine Straße, etwa so breit wie die Linden, und da sind in der Mitte viele Hundert Buden aufgebaut, und zwischen ihnen schieben sich die Leute hin und her. Abends ist Feuerwerk.

Hier kann man fürs ganze Leben was lernen. Da gibt es Buden mit Athleten und Liliputanern und ›Le Nu au Salon‹ (da hat leider mein Geld nicht mehr gereicht, und jetzt träume ich immer davon: welches Nu! welcher Salon!) und eine Zauberbrille und Waffelbuden und gerichtlich vereidigte Schaukeln, wie die Aufschrift besagt, und Schaukeln für Minderjährige und ein anatomisches Kabinett und eine schwebende Jungfrau (doch – Schweben gibts) und Löwen zu Wasser und Löwen zu Lande und Karussells –!

Karussells, so groß und so mächtig, wie man sie als Kind gesehen hat, riesige Dinger, mit Flitterglanz und Silberfransen und Tausend kleinen Spiegeln, wie sich das gehört. Sie drehen sich gewichtig und langsam, schwerfällig und lustig-bunt. Und eines spielt – det kenn ick doch? –: »Das ist die Berliner Luft, Luft, Luft ... «

Heiliger Paul Lincke! Gesegnet sei dein Name, denn du hast erreicht, was die katholische Kirche und die Sozialdemokratie nicht fertig bekommen haben: Du bist wahrhaft international!

Und moderne Karussells sind da, wo einem nicht so einfach übel wird wie auf den altmodischen, sondern wo die Wagen ganz merkwürdige Aufstoßbewegungen machen, und andre, deren kleine Gondeln durch die Luft fliegen. Und viele Leute sitzen da oben drauf und fahren, Ernsthafte Leute, die tagsüber in einem kleinen Laden arbeiten oder Bücher führen, fahren da herum. Und Mädchen sitzen auf den großen Holzhummeln der Karussells (eine poule auf einer Hummel, ein seltsames Naturspiel!) und machen ein sehr ernsthaftes Gesicht, als sei das eine wichtige Sache. Und das ist es ja wohl auch. Und sie fahren auf der Berg- und Talbahn mit unsäglichem Gekreisch, und auf einem Platz ist wahrhaftig eine kleine Dampfeisenbahn (neu und originell!) aufgestellt, da dürfen die Leute immer im Kreise herumfahren. Und alle freuen sich wie die Kinder. Ein dickes Karussell hat ein Kind: ein ganz, ganz kleines, und da fahren Babys und kleine Kinder herum, und die Mamas stehen dabei und passen auf, dass sie auch ordentlich drehkrank werden. Und da fährt ein ganz kleines Wurm, das weiß noch nicht genau, ob das schön oder scheußlich ist, weil es doch noch so klein ist – und vor ihm sitzt in einer Schwanenkutsche ein rothaariger Junge, dem läuft die Nase vor Begeisterung, und übrigens ist er im Kinderhimmel. Seine Augen sind ganz woanders. Und nur manchmal kehrt er zur Erde zurück und sieht etwas mißtrauisch nach hinten – da fahren nämlich immer zwei riesige Störche hinter ihm her, und Störche mag er nicht. Neben den großen hundertpferdigen Karussells ein kleines zu fünf.

Es sind wenig Leute, die gnädig zusehen, wie sich das Volk amüsiert. Eigentlich amüsieren sich alle. Und alle sind harmlos und fröhlich und vergnügt, und man sieht gar keine Schnösel, die die Gelegenheit des Ausgangs benutzen, um sich über ihre Klasse hinaus zu amüsieren. Das habe ich hier überhaupt noch nicht gesehen, diesen berliner Typus, der immer so tut, als ob. Denn wenn der Berliner abends ausgeht, so nimmt er doch schon draußen an der Korridortür die Allüren eines reichsunmittelbaren Geschlechts an und gibt auch meist viel mehr Geld aus, als sein Budget verträgt. Der Friseurlehrling betreibt das Amüsement als Meister, der Meister als Parfumeriefabrikant, und wie sich der Fabrikant hat, wenn er mit Seiner ausgeht – nein, das gibt es hier nicht. Die Leute amüsieren sich alle innerhalb ihrer Klasse, wollen gar nicht mehr scheinen, als sie sind, und fühlen sich sehr wohl dabei.

Ja, alle Welt vergnügt sich. Die Karussells spielen, immer alle mit einem Mal, und mit der Banane in der Hand kommt man durch das ganze Land. Vor einer Bude hocken Dinger, die als Affen angestellt sind, na, wir wollen uns gar nicht so groß tun ... Und ich bin so vergnügt, dass ich mir vor lauter Freude beinahe einen Luftballon gekauft hätte ... Schließlich kaufe ich aber etwas ganz andres.

Da, in den Kuchenbuden, gibt es Pfefferkuchenschweine. Und ein Schild: »On les baptise à la minute«. Das ist so: man kauft ein Schwein – da liegen kleine, größere und dann ganz große, etwa so, wie ein Leser des ›Junggesellen‹ – und hält den braunen Leib dem Verkäufer hin. Und dann sagt man einen geliebten Namen – und der Mann nimmt eine Papiertüte und quetsch, auf dem Kuchen schreibend, eine weiße Sache aus der Tüte, wie Pebeco, und dann stippt er das Schwein in einen Topf mit Mohnkrümeln, und dann steht nachher auf dem Rücken, wundervoll bunt: »Agathe« oder »Siegfried« oder »Celly«. »On les baptise à la minute« –? Und ich mir ein Schwein kaufen und einen Namen sagen und eine Minute warten – das ist das Werk einer Sekunde.

Und nun stehe ich da, mit dem bunten Pfefferkuchen in der Hand, einem großen, fetten, feisten, und mitten auf der foire aux pains d'épice. Und auf dem Kuchen steht:

Friedrich Ebert.

So denke ich in der Ferne an meinen Präsidenten.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 19.06.1924, Nr. 25, S. 850.





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