Eugen Klöpfer


Was war das? Wer war das? Hatte ich das nicht schon einmal alles erlebt?

Neulich saß ich neben S. J. bescheiden und artig auf meinem Klappsesselchen, und geduldig ließen wir eine Komödie an uns vorüberwälzen. Sie hatte viele Akte und war immer noch nicht zu Ende. Ab und zu machte der Herausgeber vor, wie die Orska als Milfordsche gemaunzt hatte, und ich mußte furchtbar lachen. In einer Komödie darf man doch lachen?

Aber da kam ein Kerl auf die Bühne ... ! Eine knarrende, rostige, verraucherte Stimme, kleine, tückische, kaschubisch-wendische Augen – so die verdammte Mischung von Germanen und Slawen, die von beiden Rassen das Schlechte und von keiner das Gute angenommen hat. Auf dem Zettel stand: Eugen Klöpfer. Das Stück hieß: ›Die letzten Ritter‹. Aber das war ja ganz gleich ...

Der Kerl da kam herein, lümmelte sich an einen Tisch – wie er diesen abgekauten Stumpen der Zigarre im Maul hielt, wie er ihn anfaßte! – hatte den Kopf vorgestreckt und unterhielt sich mit seiner Kebse. Hier müßte ein noch viel gemeineres Wort stehen – so sprach er zu ihr. Frech und dreckig und doch unterwürfig, denn er brauchte sie, des Nachts. Und da stand noch ein Landarbeiter, ein Wasserpolacke, so einer dieser Wanderarbeiter, die der deutsche Großgrundbesitzer, von Vaterlandsliebe strotzend, gern anzuwerben pflegte – die Kerls fraßen Mehlsuppe, schliefen im Koben und waren herrlich billig. Da stand der und katzbalgte sich um irgendwelche drei Mark. Klöpfer sah ihn an. Ach, wie sah er ihn an–! Wie die Katze die Maus, wie ein hungriges Raubtier einen Menschen. Und knarrte. Und spuckte. Und hielt an sich, geballt und wütend, weil er den da nicht schlagen durfte. Das hatte schon einmal fünfhundert Mark gekostet. Verdammte Rechtsprechung! Na, warte! »Haste die drei Mark nicht bei dir, mein Sohn?« Was kochte nicht alles in der Stimme! Ein Meer von Gemeinheit! Nein, er sagte, er hätte sie nicht. »Haste se vielleicht im Stiebel? Zeig mal her!« Der Pole zog sich den Stiefel aus, Klöpfer sah hinein, nein, da war nichts, er legte den Stiefel hinter sich – den andern! Auch der wurde ausgezogen, nichts war drin. Klöpfers Augen funkelten und wurden auf einmal ganz groß. »Nu kannste gehen, mein Sohn!« sagte die satte, knarrende Stimme. Seine Stiefel wollte der wieder haben ... Seine Stiefel? Triumph! Sieg! Viktoria! Er könne ihn ja verklagen, ihn, den Agronomen Petermann – raus! Und der Pole flog raus.

Was war das –?

Wo hatte ich das schon einmal gesehen, gehört, geschmeckt, miterlebt?

Aber das war der preußische Feldwebel, der Wachtmeister, der Unteroffizier! Das war er, der geduckte und tretende Kerl, dieser rohe Bauernknecht, der, zum Mistfahren zu dumm und zu faul, kapituliert hatte und nun Menschen unterdrückte, bis ihnen das Blut aus den Fingernägeln spritzte. Das war er, das war er in Reinkultur.

Eine Meisterleistung. Ein Kerl, fest mit den beiden klobigen Beinen auf der preußischen Muttererde stehend, die Hände an der Hosennaht oder in den Taschen des andern oder unter einer Schürze, die kleinen Augen glitzernd, wenns einen zu heben gab – und immer bereit, dem andern, Freund oder Feind, in den Rücken zu fallen.

Der Herausgeber mag beurteilen, ob Eugen Klöpfer immer das kann, was er dies Mal gekonnt hat: Einen für alle zu geben, eine ganze Menschenschicht, einen Schlag, eine Sippe. Macht ers weiter so, ist er ein großer Schauspieler.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 16.10.1919, Nr. 43, S. 491.





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