Erzberger und Helfferich


Karl Helfferich, der gefährlichste Gegner der deutschen Linken, ist vor den Wahlen durch einen Eisenbahnunfall ums Leben gekommen. Hat auch nur in einem Nachruf gestanden: »Das ist ihm recht«? Hat einer seiner Gegner das beklagenswerte menschliche Los mit der politischen Beurteilung vermengt? Hat auch nur einer die Gelegenheit benutzt, einen Toten, während die verstümmelte Leiche noch nicht unter der Erde war, zu beschimpfen?

Nein.

Was hat die gesamte Rechtspresse beim Tode von Matthias Erzberger getan? Sie hat – allenfalls – ein paar Alligatorentränen vergossen, um dann desto wütender über den Ermordeten herzufallen. Sie hat dem Opfer, das sich da im Staub der Chaussee von Griesbach verblutet hatte, ins Grab nachgespuckt. Das sei dem alten, ehrwürdigen Generalfeldmarschall nicht vergessen, dass er damals dementierte: »Es ist nicht wahr, dass ich Erzberger jemals die Hand gegeben habe.« Der ›Berliner Lokal-Anzeiger‹, die ›Deutsche Tageszeitung‹ die ›Kreuzzeitung‹ – all das ließ nach der journalistisch vorgeschriebenen Verurteilung der Tat nicht den allermindesten Zweifel, dass man bei den feinen Herrschaften zufrieden sei. Und ein unflätiger Hohn wurde dreimal über das Grab gebrüllt. Hat die rechtsstehende Presse damals gegen einen Mann, der Frau und Kinder hinterließ, wie eine Rotte Betrunkener gegrölt?

Ja.

Im Hof des französischen Armeemuseums zu Paris steht der Eisenbahnwagen, in dem der unglückliche Erzberger den Waffenstillstand mit Foch zu Compiègne unterschrieben hat. Warum? Ludendorff hätte es tun müssen, Ludendorff, der damals ausriß. Der betriebsame Zivilist tats für ihn. Ein Eisenbahnwagen hat auch ihm den Tod gebracht.

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 22.05.1924, Nr. 21, S. 713.





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