Einfachheit


Das wollen wir uns immer wieder klarmachen:

Terminologie ist noch gar nichts.

Da ist nun die Formalbildung in die Breite, also nicht in die Tiefe, gegangen, und: »funktionell« – »kulturphysiologisch« – »physiopsychologisch« – »Komplex« – das können sie nun alle. Aber ist damit etwas ausgesagt?

Die Deutschen haben zwei große Grundgesetze entdeckt, und zwei sehr bequeme dazu: sie glauben, eine Sache damit entschuldigt zu haben, dass sie ihren technischen Hergang erklären – und sie halten es für bedeutend, wenn sie eine Binsenwahrheit in das Vokabularium ihrer eingelernten Fachwörter einspannen. Aber es ist nicht viel damit.

Mitunter läßt sich das nicht vermeiden – mitunter bringt es einen weiter.

Aber seit jeder Esel mit ein paar angelesenen Philosophie-Brocken herumjongliert, dass einem ganz angst und bange wird, hat das aufgehört: es ist einfach trivial geworden, platt, alltäglich, nichtssagend und völlig leer. Zur Zeit wird getragen: Soziologie (ganz fürchterlich), Individual-Psychologie, Musik-Philosophie und bei den ganz Feinen: Erkenntniskritik.

Oft habe ich mir die unnütze Mühe gemacht, diesen Kram ins Deutsche zu übertragen – es kam fast immer heraus: »Ignoramus« oder: »a = a«, auch hießen diese Wortkaskaden, wenn man sie hatte von sich abrauschen lassen: »Aufgeregte Menschen denken nicht so logisch wie ruhige« oder ähnliche epochemachende Weisheiten. Damit ist wenig getan.

Man sei mißtrauisch, wenn der Autor in dem byzantinischen Stil falscher Wissenschaftlichkeit einhergestelzt kommt. Der Kaiser hat ja keine Kleider ... und unter dem tombaknen Zeug siehst du ein paar jämmerlich dünne Beine und geflickte Unterhosen.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 19.11.1929, Nr. 47, S. 787.





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