Ein Genießer


Der dicke Mann spricht:

»Wir marschierten damals von Suwalki in den Tannenwald, den Kriegsschauplatz aufzuräumen. Ich war kein Held – ich bin zu dick. Und der Marsch war so beschwerlich –, den ganzen Weg über sprachen wir über Literatur und kühles Pilsner. Und da habe ich mir geschworen: Theobald, habe ich zu mir gesagt, wenn du hier noch mal gesund wieder rauskommst: du wirst dich in Watte legen. Du wirst überhaupt nie mehr marschieren. Du wirst dich pflegen wie eine Wöchnerin. Ehrenwort. (Wir Soldaten geben uns immer das Ehrenwort.) Gut; der Marsch nahm ein Ende, Suwalki blieb da liegen, wo es immer gelegen hat, der Krieg war aus.

Nun, ich habe mich nicht in Watte gelegt. Und ich marschiere auch noch ganz gut. Aber eine Gewohnheit ist mir geblieben, und Sie glauben nicht, wieviel Freude sie einem macht:

Sehen Sie, da ist dieses blitzend-kalte Glas Wasser. Wenn ich das ... Sie erlauben ... trinke, dann sehe ich in die kleine Wasserfläche, die da schräg im Glase steht, und denke mir mein Teil.

Ich denke mir nämlich:

Jetzt auf einer heißen Chaussee, mit der Kompanie, und ein Staub und eine Hitze, und diese schwere Wolke von Mannsgeruch über den Reihen, das Hemd klebt am Körper, an den Oberschenkeln heult ein Wolf, den ich mir gelaufen habe, und der Tornister drückt ... und was soll das alles ... mein Gott ... jetzt ein Glas kaltes Wasser ... und es ist alles nicht wahr! – Da ist das Glas kalten Wassers, und ich trinke es nun nicht einfach so herunter, nein, ich schmecke seine Kühle, ich lasse es gluckernd durch die Kehle rinnen, ich trinke mit den Kiemen wie ein Fisch, ich koste alle Leiden, die ich nicht zu erleiden brauche –, Sie! das ist ein großer Genuß.

Und so mache ich es in vielen Lagen des Lebens.

Bei mir geht es, wie Sie sehen, recht bescheiden zu. Aber denken Sie doch, was hier alles nicht ist:

Ich gehe umher, und kein Chef sagt zu mir: ›Wenn man natürlich morgens nicht pünktlich da ist, dann hat man abends lange zu tun.‹

Kein Arzt sagt: ›Na, da kommen Sie mal rein –, da will ich mich mal ein bißchen an Ihnen vergreifen! Schwester! Das Kokain – Kopf mehr zurück ... noch mehr ... ‹

Keine Frau sagt zu mir: ›So! Ach sieh mal an! Und der Brief von Hedy? Das war wohl auch nichts? Nein, das war gar nichts! Und wie Fanny gestern ... meinst du, ich habe nicht gesehen, wie du Fanny deine Glupschaugen gemacht hast, und noch dazu in meiner Gegenwart, ihr könnt ja nicht mal warten, bis ich aus dem Zimmer bin –, du bist ein alter Bock! Dir ist das ganz gleich, wer das ist – wenn sie nur ... ‹

Kein Konsulatsbeamter sagt: ›Kommen Sie wegen des Visums morgens nochmal. Wir brauchen dazu ein Impfzeugnis Ihrer Großmutter und eine schriftliche Bescheinigung, dass Sie in unserem Lande keine Papageienzüchterei aufmachen wollen. Und ... haben Sie selbst ansteckende Krankheiten? ... oder sind Sie Bolschewist ... ?‹

Kein stellvertretender Parteivorsitzender gibt mir seine ›Einstellung‹ kund.

Keine launenhafte kleine Frau teilt mir mit, dass sie heute nicht wolle und überhaupt nie mehr.

Denken Sie doch, was hier alles nicht ist! Sie! Das ist ein großer Genuß.

Stoiker? Ach, gehen Sie. Marc Aurel? Sehe ich aus wie ein römischer Kaiser? Nein, dergleichen ist es gar nicht. Ich habe nur im Kriege gelernt:

Wenn man sich allemal vergegenwärtigt, wieviel Malheur es auf der Welt gibt, und dass man zufällig im Augenblick nicht daran beteiligt ist, dann schmeckt der Augenblick noch einmal so gut. Ich lebe nicht auf den Höhen des Daseins. Aber man möchte doch gern auf den Höhen des Daseins leben. Und da grabe ich mir eben so meine kleine Grube und blicke hinunter in die gähnende Tiefe ... Glück privat.«

 

 

Peter Panter

Vossische Zeitung, 03.04.1930, Nr. 158.





 © textlog.de 2004-2017 •
Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright