Theodore Dreiser, ›Amerikanische Tragödie‹


Es gibt aber natürlich auch andere Amerikaner. So einer ist zum Beispiel Theodore Dreiser, der Verfasser der ›Amerikanischen Tragödie‹ (bei Paul Zsolnay in Berlin). Mir hat neulich Max Mohr geschrieben, eine Beurteilung der amerikanischen Romanliteratur sei ohne Kenntnis dieses Buches nicht möglich. Ich habe es sehr aufmerksam gelesen, und es war – bei Max Kretzer! – keine leichte Sache. Nun, ich habe gefunden, dass man uns nicht zumuten kann, wieder von vorn anzufangen. Es mag ja sein, dass so ein Werk für amerikanische Verhältnisse ein außerordentliches Wagnis darstellt, und als Kulturdokument ist es gewiß sehr aufschlußreich. Aber was ich damit anfangen soll, weiß ich nicht. Auf dem Umschlag bezeugen gute und beste Engländer und Amerikaner, dass hier das aller–, aber auch das aller–, allerbedeutendste Genie sei: ich habe es nicht entdecken können. Diese Geschichte von dem jungen Mann, der im Geschäft bei reichen Verwandten dient, der eine Liebelei mit einer reichen jungen Dame und ein Verhältnis mit einer Arbeiterin hat; der der Arbeiterin ein Kind macht, keinen findet, der es abtreibt und sie nun, mit dem dolus, aber ohne Absicht ins Wasser fallen läßt: das müßte so dargestellt sein, dass der Sturm neue Türen aufreißt, um uns zu packen. Es weht aber nichts, und es packt uns nichts. Daß es Gesetze gibt, die die Abtreibung verbieten, dass es heute noch – und nun erst in Deutschland! – fromme Juristen, starre Juristen, beschränkte Juristen gibt, die in das nächste, gradezu schmähliche Strafgesetz auch diesen verbrecherischen Paragraphen hineinschustern, ist hart. Dagegen anzukämpfen, ist für einen anständig gesinnten Menschen Pflicht. Nur dagegen anzukämpfen ist noch keine Kunst. Es ist sehr bezeichnend, dass Dreiser den einzigen, starken und ergreifenden Zug in seinem Roman so erzählt, wie eine Zeitung von einem Eisenbahnunglück berichtet, ohne die Möglichkeiten zu verspüren, die da liegen: Der zum Tode verurteilte Held des Buches sitzt im Zuchthaus und wartet auf seine Hinrichtung. Da warten noch andre Verurteilte, die er durch die Gitter seines Käfigs sehen kann. Und manchmal wird einer zum Todesstuhl geführt, dann werden Vorhänge vor die Türen gezogen, dann hören die Wartenden einen schleppenden Zug: das ist einer von ihnen, der dahin gestoßen wird, wohin sie bald alle gehen müssen. Und dann gibt es eine kleine Pause ... »Und dann, obwohl Clyde es nicht wußte und es ihm nicht weiter auffiel, ein plötzliches Nachlassen des Lichtes im ganzen Hause – das sinnlose Ereignis eines Systems, wodurch derselbe Strom Beleuchtung und Hinrichtung besorgen mußte ... Das dreimalige Nachlassen des Lichtes bedeutete den Todesstrom.« Viel trockner kann man das nicht erzählen. Ah, keine Deklamationen an dieser Stelle! Aber wie hätte ein Dichter das formuliert! Dies ein Genie? Ein pariser Chansonnier sang neulich:

»N'exagérons rien –

rien – rien – rien!«

Ein anständiger naturalistischer Roman, der uns nichts Neues sagt.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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