Diskretion


Dass Josefine eine schiefe Nase hat;

dass Karlchen eine schwache Blase hat;

dass Doktor O., was sicher stimmt,

aus einem dunkeln Fonds sich Gelder nimmt;

dass Zempels Briefchen nur zum Spaß ein Spaß ist,

und dass er selbst ein falsches Aas ist

in allen sieben Lebenslagen –:

das kann man einem Menschen doch nicht sagen!

Na, ich weiß nicht –

 

Dass Willy mit der Schwester Rudolfs muddelt;

dass Walter mehr als nötig sich beschmuddelt;

dass Eugen eine überschätzte Charge;

dass das Theater ... dieser Reim wird large ...

dass Kloschs Talent, mit allem, was er macht,

nicht weiter reicht als bis Berlin W 8;

dass die Frau Doktor eine Blähung hat im Magen –:

das kann man einem Menschen doch nicht sagen!

Na, ich weiß nicht –

 

Man muß nicht. Doch man kann.

Die Basis unsres Lebens

ist: Schweigen und Verschweigen – manchmal ganz vergebens.

Denn manchmal läuft die Wahrheit ihre Bahn –

dann werden alle wild. Dann geht es: Zahn um Zahn!

Und sind sie zu dir selber offen,

dann nimmst du übel und stehst tief betroffen.

Die Wahrheit ist ein Ding: hart und beschwerlich,

sowie in höchstem Maße feuergefährlich.

Brenn mit ihr nieder, was da morsch ist –

und wenns dein eigner Bruder Schorsch ist!

Beliebt wird man so nicht! Nach einem Menschenalter

läßt man vom Doktor O. und Klosch und Walter

und läßt gewähren, wie das Leben will ...

Und brennt sich selber aus. Und wird ganz still.

Na, ich weiß nicht –.

 

 

Theobald Tiger

Die Weltbühne, 20.08.1929, Nr. 34, S. 295.





 © textlog.de 2004-2017 •
Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright