Die Wehrpflicht


Die deutsche Entwaffnungs-Note an Frankreich lobt die alte Wehrpflicht und spricht davon, dass die deutsche Jugend ihr die Erziehung zur Ordnung und zur Unterordnung unter die Gesetze verdanke; die Wehrpflicht fehle uns und müsse durch etwas andres ersetzt werden.

Das ist nicht wahr.

Die alte Wehrpflicht hat diesen infamen Krieg mitverschuldet. Der Kadavergehorsam des deutschen Militarismus ist ein Pestherd gewesen: eine bunte, verlogene Sache nach außen – eine schmutzige, rohe und völlig wertlose nach innen. Die Produkte dieser militärischen Erziehung waren schlechte Karikaturen der Lehrer, und da die schon eine Karikatur waren, kann man sich vorstellen, wie das aussah, was da herauskam: Männer, die allen Ernstes glaubten, eine »Meldung«, eine »Dienstvorschrift« stehe über dem Leben und könne eine Welt meistern. Die Niederlage, die Unbeteiligte haben mitbüßen müssen, hat ihnen gezeigt, was es damit auf sich hat. Die alte Wehrpflicht hat das gesamte kulturelle Leben in Deutschland verdorben, und wenn heute die republikanischen Parteien den Mut nicht aufbringen, das zu sagen, so liegt das wohl daran, dass sie es in ihrer großen Masse bis heute noch nicht begriffen haben. Die Wehrpflicht ist von außen gestürzt worden. Sie ist mit Recht gefallen.

Ein Ersatz wird mit allen Mitteln angestrebt. Er wird nicht so sehr angestrebt, um Krieg zu führen, sondern um wiederum das Volk, und vor allem die Jugend, zu knebeln. Dieser Staat, diese herrschende Klasse hat in gar keiner Weise das Recht, irgend jemand erziehen zu wollen. Dieser Staat soll bei sich anfangen. Die verschleierten Versuche, die Wehrpflicht wiedereinzuführen, müssen auch dann abgewiesen werden, wenn sie Gesetz werden. Die Arbeitsdienstpflicht, die viel zuwenig beachteten, sehr übeln Manöver des »Reichsausschusses für Leibesübungen«, der einen Zwang, Sport zu treiben, mit der Ablegung von Examina verknüpft – all das hat zu verschwinden. Es bedroht den Frieden späterhin und vergiftet das Leben des Volkes von der Einführung an.

Wir bestreiten, dass die Wilhelm-Straße das Recht hat, den schweren Riß, der durch das deutsche Volk geht, einfach zu verschweigen. Es gibt heute schon viele Millionen, die die wilhelminische Erziehung zum Klimmzug und zum »Antreten« absolut verwerfen. Das ist nicht der Weg, das Volk wieder hinaufzuführen. Es ist der Weg zu einem zweiten Versailles.

Von dem »Geist der Militärs« – eine contradictio in adiecto – ist nichts zu erwarten als neues Unheil. Dieser Teil der Note klingt wie aus den Gründerjahren. Aber es liegen vierzig Jahre dazwischen, und sie waren reichlich lang. Wir wollen nicht noch einmal von vorn anfangen.

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 17.07.1924, Nr. 29, S. 116.





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