Die Gräfin im Löwenkäfig


Paris, im Juli. Neulich, als die feinen Pariser noch in der Stadt waren, also vor dem großen Preis in Longchamps, hat es eine kleine Sensation gegeben: in Neuilly auf einem großen Jahrmarkt, der wegen seiner westlichen Lage auch von Automobilen langsam, zum Spaß, durchfahren wird, ist die Gräfin Deslandes in einen Löwenkäfig gestiegen und hat den armen Tieren Verse von Richepin aufgesagt. Weil die Löwen mutige Tiere sind, haben sie tapfer ausgehalten, und Löwen und Gräfin kamen unversehrt davon.

Das war natürlich etwas für die Zeitungen! Es gab lustige Abhandlungen und einen Haufen guter Witze (einer sagte, die Schauspieler sollten das nur nachahmen, dann hätten sie endlich alle ein encagement) – kurz und gut, es war sehr ergötzlich, und da war sicherlich keine Zeitung, die sich diesen Hauptspaß hätte entgehen lassen. Für amerikanische Journalisten muß das ein Fressen gewesen sein.

 

BARONIN REZITIERT IN LÖWENKÄFIG!

NEW-YORKER SCHAUSPIELERIN AHMT NACH!

GROSSE HAUSSE IN RAUBTIEREN!

Denn dieses hier ist eine Nachricht, und für eine gute Nachricht geht ein guter Journalist bis in den Tod (exklusive).

Die Gräfin wird durch alle Zeitungen gehen – solche Gräfinnen sind immer durch alle Zeitungen gegangen. Man hat seit jeher das Extravagante, das Absonderliche, das ganz und gar Einmalige unter den Hauptstädten hin- und hertelegrafiert, von ihrem Alltagsleben macht niemand so viel Wesens. Aber vielleicht hat das seine Nachteile.

Nun wird ja niemand so töricht sein, zu sagen: »Die französischen Gräfinnen sind klein und zierlich und sagen immer Verse in Löwenkäfigen auf.« (Obgleich man bei unserer deutschnationalen Presse nichts verreden soll.) Aber erfahren wir nicht nur allzu häufig von den fremden Städten die Löwengeschichten? Wissen wir nicht viel zu wenig von der Luft, in der das fremde Leben gedeiht, von der Atmosphäre, die dort allen selbstverständlich ist, und die man kennen muß, wenn man Lebensäußerungen, Gewohnheiten, Erscheinungen von Kunst, Kultur und Geschäftsleben überhaupt richtig verstehen will? Ich denke doch.

Eine Kaskade von Nachrichten braust täglich über uns nieder, geduckt erwartet der Leser morgens und abends seine Abreibung, und die wird ihm ja auch zuteil. Aber können alle reinen Nachrichten, die nichts als Nachrichten sind, ein Bild geben? Sie sind doch nur ein Skelett ohne Fleisch. Das Fleisch wird selten nachgeschickt.

Tatsachen sind die Vorbedingungen zum Verständnis. Erst muß man einmal wissen, was ein Land produziert, wo es liegt, wieviel Einwohner es hat, was für eine Sprache es spricht – dies und noch zehn solcher Angaben sind die allerprimitivsten Voraussetzungen zum Verständnis. Aber wenn einer schon nicht reisen kann, dann soll man ihm nicht nur das erzählen. Dann muß es noch etwas geben, das diese Nachrichten verbindet – und das ist die Schilderung des fremden Alltags. Die allein tuts auch nicht, das muß noch einmal betont werden, und mit der idyllischen Lyrik hat die Sache gewiß nicht ihr Bewenden. Aber es ist unmöglich, Land und Leute auf Grund knappen Tatsachenmaterials allein zu verstehen. Wir maßen uns das aber häufig genug an.

Es gibt ein Beispiel, das fast jeder Deutsche nachprüfen kann. Man kann über Hamburg viele Daten geben, Fakten, Tatsachen, Zahlen und Nachrichten. Man wird der Stadt nicht näherkommen. Wenn man aber einige gute hamburger Romane kennt und wirklich gute, ernste oder witzige Schilderungen über die Stadt und ihre gesellschaftliche Struktur gelesen hat, Bilder von Arbeitern nachts auf der Reeperbahn und den etwas förmlichen Senatoren abends auf dem Diner – dann kommt man der Sache schon näher. Das beste ist und bleibt natürlich die Reise – aber wenn sie einem verwehrt ist?

Dann soll man sich nicht nur an die Nachricht halten, sondern auch an den Schilderer.

So viel Köpfe, so viel Schilderungen. Es gibt nicht alle Tage einen René Schickele, einen Arthur Holitscher – ein Journalistenbuch wie das von Roda Roda ›Ein Frühling in Amerika‹ ist selten genug, denn diese Gattung Literatur ist bei uns etwas dünn geraten. Wir treibens immer entweder husch-husch oder fahren mit einem zweibändigen Lexikon durch die Welt. Und doch, wie wichtig sind solche Schilderungen! Der verstorbene Haguenin hat praktisch mehr für die Verständigung zwischen Frankreich und Deutschland getan als mancher Journalist – und was kann ein gutschreibender Reisender erst bewirken! (Die ›Chicago News‹ haben jetzt einen Mann in Berlin, Herrn Mowrer, den ich für einen solchen Mittler halte.)

Das, was nicht im Löwenkäfig vorgeht, das, was die Kinder auf der Straße singen, worüber sich die Arbeiter in den Zügen unterhalten, die Art, wie sich das fremde Volk freut und wie es weint, wie es seine Toten begräbt und wie es seine Kinder aus der Taufe hebt – das bringt uns Verständnis und Ferne näher. Sicher ist, dass die Zivilisation dieser Zeit die Völker ungeheuer angeähnelt hat, dass sie sich in manchem überhaupt kaum noch, in vielem anderen wenig unterscheiden – aber woher die tiefen Klüfte, soweit sie nicht künstlich hergestellt sind? Unterschiede sind schon da. Selbst in der gleichen Klassenhöhe gibt es noch Unterschiede im Lebensgefühl.

In Joinville – was, wenn man solche Vergleiche überhaupt machen darf, das pariser Grünau, an der Marne, ist, sitzt ein dicker Mann im Restaurant und macht sich einen Salat zurecht. Sie wissen: in Frankreich kommt die Salatschüssel auf den Tisch, und jeder manscht darin herum und bekocht sich seinen Salat mit Essig, Öl, Pfeffer, Salz und womit man sonst Lust hat. Gut. Der Dicke – offenbar ein kleiner Kaufmann, ein épicier, ein Möbelhändler – saß da im hellen Sommersonntag, neben seiner Frau, stülpte den grünen Salat auf einen Teller, fing an, die Schüssel mit einer Essenz von Gewürzen auszureiben und begann, den Salat zu mischen. Er probierte und schnipselte, er kostete und verwarf – und er war von einer so unbändigen Lebensfreude erfüllt –! »Nein«, sagte er zu Muttern, »ich werde noch ein bißchen Essig dazu tun!« – Dieses Lebensgefühl, diese kleine Bürgerbehaglichkeit ist sicherlich charakteristisch. (Daraus sind keine Werturteile herzuleiten – auch wäre in diesem Fall jeder Vergleich mit Deutschland töricht.) Wenn man ein fremdes Land ein bißchen kennt, lernt man bald sehen, was typisch und was einmalig ist – unterscheidet man rasch den Salatmann und den Löwenkäfig. Und darauf kommts schließlich an.

Denn nichts ist so gefährlich und irreführend, als einzelne aus dem Zusammenhang gerissene Lebensäußerungen zu kolportieren und dann die Schlußfolgerung zu ziehen: »Da seht ihrs!« – Was in Potsdam eine Selbstverständlichkeit ist, mag in Kansas eine Ungeheuerlichkeit sein und umgekehrt. Die Berliner Weiße ist nicht transportabel, der französische Apfelwein, der cidre, wahrscheinlich auch nicht. Sie gedeihen nur in ihrer heimatlichen Luft. Und die muß man verstehen, analysieren können, sie übertragen, so gut es geht.

Das und nur das ist die Aufgabe des Mittlers. Den wir nach dieser grabendurchfurchten Zeit nötiger haben denn je.

 

 

Peter Panter

Vossische Zeitung, 05.08.1924.





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