Die Einstellung


Deutschland ist augenblicklich auf das Wort »Einstellung« eingestellt. Gott weiß, wer das erfunden hat – es riecht nach A. O. K. und nach diesem gemacht objektiven Stil der Militärbehörden, die sich, wie Flaubert, hinter ihrem Werk verkriechen, wozu sie, im Gegensatz zu ihm, allen Grund haben. Dieses dumme Wort besagt – wie alle Modewörter – im Grunde gar nichts.

Wenn ein bezahlter Lump ein Attentat auf einen Republikaner macht, so ist er »national eingestellt«; wenn einer von Politik nichts versteht, so ist seine Einstellung eine rein wissenschaftliche; die Richter sind auf Kommunistenverfolgungen eingestellt und das Baby auf seinen Stuhlgang. Wie ist deine Einstellung zu Paris? Ich bin auf Marie eingestellt (aber sie nicht auf mich). Und auch unter den Schrift- wimmelt es von Ein-Stellern. Die Große Berliner Welteinstellung ist eröffnet!

Technische, politische, literarische Werke, die Zeitungen, die Redner – alle sind sie eingestellt. Es ist so wie mit dem Wort »Faktor«, das man heute allerdings nicht mehr trägt: es heißt überhaupt nichts. Aber es ist Mode. Und über Modewörter sagt der gute, alte Wustmann:

»Verbreitet werden neue Wörter namentlich durch die Jugend und durch die Ungebildeten, die keine Spracherfahrung haben, die nicht wissen, ob ein Wort alt oder neu, gebräuchlich oder ungebräuchlich ist; dann werden sie oft in kurzer Zeit zu Modewörtern ... Man hört oder liest ein Wort – entweder ein neugebildetes oder, was noch öfter geschieht, ein bereits vorhandenes in neuer Bedeutung! – irgendwo zum ersten Mal, bald zum zweiten, dann kommt es öfter und öfter, und endlich führt es alle Welt im Munde, es wird so gemein, dass es selbst denen, die es eine Zeitlang mit Vergnügen mitgebraucht haben, widerwärtig wird, sie anfangen, sich darüber lustig zu machen, es gleichsam nur noch mit Gänsefüßchen gebrauchen, bis sie es endlich wieder fallenlassen. Aber es gibt immer auch eine kleine Anzahl von Leuten, die, sowie ein solches Wort auftaucht, von einem unbesiegbaren Widerwillen dagegen ergriffen werden, es nicht über die Lippen, nicht aus der Feder bringen. Und da ist auch gar kein Zweifel möglich: wer überhaupt die Fähigkeit hat, solche Wörter zu erkennen, erkennt sie sofort und erkennt sie alle.«

Soweit Wustmanns Einstellung.

Und nur einmal ist das üble Wort in der letzten Zeit richtig gebraucht worden. Da stand zu lesen:

»Das Verfahren gegen Kahr, Lossow und Seißer ist eingestellt.«

Denn so sind die Bayern eingestellt, und so sehen sie aus.

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 14.08.1924, Nr. 33, S. 270.





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