Die deutsche Laute


»Er wußte sich nicht zu zähmen, und so zerrann ihm sein Leben wie sein Dichten.« In Goethes Wort über Johann Christian Günther ist leider etwas Possart; aber mit diesem falschen Etikett versehen, steht die alte Flasche Feuerwasser schon lange auf dem Bord. Laßt sie uns aufstöpseln.

Hermann Wendel hats getan; er gibt bei Erich Reiß in Berlin eine Auswahl von Günthers Gedichten (mit einer Einleitung) heraus: ›Die deutsche Laute‹. Die Einleitung ist glasklar, sehr aufschlußreich und ausgezeichnet geschrieben, die Auswahl macht das Buch liebenswert. Es muß keine Kleinigkeit gewesen sein, sich durch die dicken Wälzer der alten Originalausgaben hindurchzuarbeiten – die Ausgabe ist ganz geglückt. Ein Motto springt ans Ohr:

Als wenn ich früh und spät, nachdem es etwa kam,

in deiner Gegenwart die deutsche Laute nahm ...

Dieser zerrissene, lebensstarke, blühende und dann leise verlöschende Dichter – wie viel konnte er, und wieviel war er! Wie viele Seiten hat das, wie facettiert spiegelt sich das Licht! Ein geistliches Gedicht ›Endlich‹, fromm, als stamme es vom großen warmbrunner Bauerndichter Christian Wagner, ein Gedicht: ›Das Amt der Poesie‹ – hört ihr Karl Kraus sprechen?

Man lauert, sitzt und sinnt, verändert, schreibt, durchstreicht,

schmeißt Silb und Reim herum, versetzt, verwirft, vergleicht,

eh Wörter und Begriff so wahr als zierlich passen

und in des Lesers Ohr ein gründlich Etwas lassen.

Doch wenn es unser Fleiß auch noch so schön gemeint

und nachmals vor der Welt mit Sorg und Furcht erscheint,

so wird es oft so kahl und obenhin gelesen,

als wär es ein Gebet von Habermann gewesen.

Und nun muß man denken, dass Günther sich diese Ausdrucksweise erst geschaffen hat, dass er keine Sprache für eine Dichtkunst, sondern nur ein Idiom für die Bierbank und ein Korsett für die Poeterei vorgefunden hat ... Und dann so etwas. Und dann diese Liebesgedichte.

Schweig du doch nur, du Hälfte meiner Brust!

Denn was du weinst, ist Blut aus meinem Herzen.

Ich taumle so und hab an nichts mehr Lust

als an der Angst und den getreuen Schmerzen,

womit der Stern, der unsre Liebe trennt, die Augen brennt.

Schweig du doch nur, du Hälfte meiner Brust ...

Ich weiß heute eine für den Typ, den jener angebetet haben mag: Käthe Dorsch. Aber so ein Gedicht ist ewig.

Für diese Ausgabe ist dem Herausgeber und dem Verlag Dank zu sagen. Ein Dichter ist wiederauferstanden, und ein schönes Buch ist auf dem Büchermarkt. Hoffentlich findets Leser.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 15.06.1922, Nr. 24, S. 611.





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