»Deutsch«


Wenn heute einer in Glauchau geboren und in Insterburg gestorben ist, dann rühmen ihm die Nekrologe nach, er sei ein »echt deutscher Mann« gewesen. Was soll er denn sonst gewesen sein? Ein Neger? Ein Kalulu-Indianer? Ein Eskimo? Natürlich war er echt deutsch. Aber man trägt das jetzt so.

Die ganze Borniertheit des Nationalismus spricht aus diesem Adjektiv. Es genügt, irgendeinem Krümel das Epitethon »deutsch« anzuhängen, und Kaffeemaschine, Universitätsprofessor und Abführmittel haben ihr Lob weg. Der Ursprungsort, der in den meisten Fällen selbstverständlich ist, wird in eine positive Bewertung umgelogen, und das ganze Land kriegt mit der Zeit den Größenwahn. Man kann keine Zeitschrift mehr aufschlagen, ohne dass einem auf jeder Seite dreimal versichert wird, dieses sei deutsch, jener habe deutsch gehandelt, und der dritte habe nach deutscher Art Konkurs oder sonstwas gemacht.

Darin liegt nun nicht nur: Lob des Deutschtums – was noch erträglich und verständlich wäre, sondern der Ausschluß der gesamten übrigen Welt von obgesagten guten Eigenschaften. Das Kinderlied »Deutschland, Deutschland über alles« mit seinem Sammelsurium von deutschen Weinen, deutschen Zigarrenkisten und deutschen Fehlfarben hat da viel Unheil angerichtet. »In echt deutscher Treue ... « Gibt es südamerikanische Treue? Malaiische? Hinterborneosche? Vielleicht gibt es sie, aber sie ist nicht so schön, nicht so garantiert regenfest, nicht so »echtdeutsch«. Ford kann für seine Wagen keine marktschreierischere Reklame machen als diese Echt-Deutschen.

Rührend ist an den Kirchturmnationalisten, dass sie alle wähnen, die gesamte Welt sei mit ihnen einig, bewundere, liebe und fürchte sie. Der Lieblingspoet meines Reichspräsidenten (ich weiß nie, ob er auch noch andre deutsche Dichter kennt), der echtdeutsche Hoffmann von Deutsch-Fallersleben hat es ja schriftlich: jene von ihm benannten Substantive »sollen in der Welt behalten ihren alten guten Klang«. »Moi je prends une orangeade – mais une allemande!« sagen die Pariser Chauffeure.

Aber es gibt ein altes Gesetz: Je kleiner die Stationen sind, desto lauter werden die Namen ausgerufen. »Lippoldswerder!« brüllen die Schaffner, achtmal. In Berlin ruft keiner. Es versteht sich von selbst.

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 24.07.1924, Nr. 30, S. 155.





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