Der kaufmännische Gewinn


Eine der interessantesten deutschen Zeitschriften, das Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, war lange Zeit hindurch nur den Mitgliedern des Börsenvereins, den eingeschriebenen Buchhändlern, zugänglich. Nun entwickelt sich das Blatt langsam fort, und diese Entwicklung geht dahin, die Nettopreise, zu denen die Verleger den Sortimentern die Bücher ablassen, auf eine besondere Beilage zu setzen, so dass in den Anzeigen nur der Ladenpreis erscheint. Eine Maßnahme, die lediglich die Buchhändler angeht. Aber da ist noch ein anderes.

Aus welchem Grunde verstecken eigentlich alle Kaufleute der ganzen Welt ihren Verdienst? Es gibt

a) keinen Kaufmann, der die Frage: »Wieviel verdienen Sie daran ?« einem Fremden nicht krumm nimmt; und

b) keinen Angestellten, der einem Fernstehenden sagte, was er verdient.

Wenigstens ist das in Europa so.

In Amerika haben sie ja eine uns fast exhibitionistisch anmutende Art, zu sagen, wieviel sie »wert sind« – und vor allem, dich zu fragen, wieviel du wert seiest – wir empfinden das als peinlich. Warum eigentlich? Ich bin in diesen dunkeln Schacht gekrochen, und dies ist es, was ich zutage gefördert habe:

Erste Gefühlsreaktion: Das geht den andern gar nichts an. Die Reaktion ist besonders scharf, wenn nach dem Verdienst am einzelnen Stück gefragt wird. (Darin unterscheiden sich die Amerikaner gewiß nicht von uns; denn wohl sagt dort ein erfolgreicher Kaufmann, er habe in acht Jahren dreihunderttausend Dollar »gemacht« – aber er sagt gewiß nicht, wieviel er an einem Grammophon verdient.) Also: es geht den andern gar nichts an. Es ist da eine Art Furcht ... der Gefragte wittert Gefahr ... was will jener? ... Was soll das? ... Nichts geht es ihn an.

Zweitens: Angst vor dem Neid. Bei Angestellten leicht erklärlich; vielleicht ist da eine kleine Aufbesserung gegeben worden, zwar keine Überschreitung des Tarifs, aber doch ein Plus, mit reinlichen Mitteln erkämpft ... das brauchen die andern nicht zu wissen. Schon deshalb nicht, damit sie nicht ebensoviel bekommen.

Dieses Argument aber ist beim selbständigen Kaufmann nicht ganz verständlich; gewiß hat auch er den Neid unter Umständen zu fürchten ... aber eine so dicke Gefahr ist das doch nicht, wie mir scheint. Doch er hält hinter dem Berge. Er stellt seine Bilanz unter den Scheffel. Es ist, als schäme er sich, so viel zu verdienen – oder so wenig ... ? Auf alle Fälle ist ihm nicht ganz wohl bei der Geschichte; es schmeckt leicht nach bösem Gewissen, was es sicherlich nicht ist – aber manchmal schmeckt es so. Auch mag sich der Kaufmann, wie jeder Mensch, nicht gern einordnen lassen; man sieht ja aus seinem Auftreten ungefähr, zu welcher Vermögensklasse er gehört – mehr aber soll man nicht sehen. Denn auf nichts ist der Massenmensch so stolz wie auf winzige Spuren dessen, was er für Individualismus hält ... Vielleicht, soll sich der andere denken, sind da noch geheime Reserven ... man ist stärker, wenn man nicht ganz und gar erkannt wird. Und dann haben sie eben doch alle Angst vor dem Neid. Was wohl mit einer generellen Kaufmannseigenschaft zusammenhängt: zu jammern. Wenigstens ist auch dies in Europa so; drüben lächeln sie ja noch beim Konkurs, gerade im Konkurs, so habe ich es wenigstens gelernt –, und wenn ich hinüberfahre, will ich Konkurs machen und lächeln. In Europa aber gehen sie umher und raufen sich die Haare aus der Glatze. Es gibt da eine Redensart, die alle Leute zur Verzweiflung bringt. Sag mal, spaßeshalber, zu deinen Freunden: »Sie habens gut!« Dann kriegst du es aber nicht schlecht zu hören. »Ich habs gut? – Lieber Freund, Sie sagen so ... Wenn Sie wüßten ... « und dann gehts los. Wenn man ihn hört, möcht' mans beinah glauben – gleich wird er verhungern, es kann sich nur noch um Minuten handeln. Dann fährt er nach Vulpera.

Drittens: die Steuer. Also das ist ein Argument. Viertens: ja, es bleibt ein unerklärbares X, ein Rest; etwas, das man nicht auflösen kann. »Wieviel verdienen Sie im Jahr?« Ein unbehagliches Gefühl läuft über die Haut; die Schulterblätter bewegen sich; man will nicht, man will das nicht ... Eine unmögliche Frage.

Das geht mitunter bis zur fixen Idee. Da gibt es in der Generation unserer Väter – und sicherlich auch in der meinen – einen Typus, der seinen wahren Gewinn auch vor den Familienmitgliedern ängstlich verbirgt. Es gibt brave, verheiratete Frauen, die zwanzig Jahre neben einem Mann leben, Kinder von ihm haben, mit ihm reisen – und die nie genau wissen, wie es denn nun eigentlich um seine Geschäfte steht. »Das verstehst du nicht, mein Kind ... !« Statt die Frau – o Kameradschaftsehe! – an den Erfolgen teilnehmen zu lassen, lassen sie sie höchstens an den Sorgen teilnehmen, an den schwarzen Börsentagen und an den Flauten – und das nicht etwa nur, damit sich Charlotte nicht wieder ein Kostüm bestellt – sondern aus allgemeinem, dickem Mißtrauen. »Mißtrauen«, hat einer der klügsten Männer gesagt, die ich kenne – »Mißtrauen ist die Klugheit der Dummen.« Und man glaubt gar nicht, wie schlau sich diese Leute vorkommen – man hört sie ordentlich mit den Augen zwinkern vor lauter Gewitztheit! Denn nur sie wissen, und niemand sonst auf der ganzen Welt weiß es, dass hinten in der linken, unteren Schreibtischschublade das Verzeichnis der Aktien liegt, die ihrerseits auf einer zweiten Bank liegen; das Verzeichnis ist sorgfältig stenographiert, und manche Zahlen sind durch Buchstaben ersetzt ... so bald findet sich da keiner heraus! Die Familie schon gar nicht! Die bedauernswerten Frauen also haben keine Ahnung, in welcher Etage des Lebens sie sich aufhalten, und geschieht es, dass der Mann vor ihnen stirbt, dann fallen sie aus allen Wolken. »Wenn ich das gewußt hätte! Aber er hat ja nie mit mir darüber gesprochen ... !« Meist ist es viel weniger, als sie gedacht haben.

Was soll das alles? Warum ist das so? Ich weiß es nicht.

Ein kaufmännischer Gewinn wird – so oder so, meistens so – erarbeitet; er ist, wenn es sich um laufende Geschäfte handelt, unter anderem das Resultat von Nachdenken, Routine, Fleiß, Geistesgegenwart ... Man kann dieses System, wie es da heute steht, verteidigen oder verdammen – aber es ist doch so. Warum schämen sich die Menschen, die sich doch sonst so wenig schämen – wenn es aber um ihren Verdienst geht, werden alle plötzlich sehr schweigsam. Dies ist ein großes Wunder.

» ... Sagen Sie ... Herr Panter, was ich Sie fragen wollte ... Was bekommen Sie eigentlich so von der Vossischen Zeitung? «

Ja – hm ...

 

 

Peter Panter

Vossische Zeitung, 30.03.1930.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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