Dank vom Hause Stalin


Da liegt vor: ›Wochenbericht der Gesellschaft für kulturelle Verbindung der Sowjet-Union mit dem Auslande‹, erscheint in russischer, deutscher, französischer und englischer Sprache. Nr. 10 – 11, Seite 3:

›Die ersten Tage der Roten Armee‹. Auf anderthalb Seiten ist da eine kurze geschichtliche Übersicht über die Entstehung der Roten Armee gegeben: wie sie geworden ist, wie man sie aufgebaut hat, wie sie sich gewissermaßen aus dem Nichts entwickelt hat ... Der Name Trotzki ist nicht genannt.

Das ist eine Unanständigkeit, die auch im heftigsten politischen Kampf und grade von dieser Seite her nicht erlaubt ist.

So gefährdet ist die Regierung Stalin nicht, dass sie nicht getrost riskieren dürfte, vergangene Verdienste eines Mannes zu würdigen, der Kopf und Kragen für den Bolschewismus aufs Spiel gesetzt hat. Denkbar, dass es die innerrussische Situation erfordert, dem Begründer der Roten Armee in diesem Augenblick keine Dankeskränze zu winden – das können wir von außen her schlecht beurteilen. Ich weiß auch nicht, ob diese Verbannung, die mir sehr hart erschienen ist, notwendig gewesen ist oder nicht. Aber eines weiß ich:

Daß es ein Zeichen von tiefster Schwäche, von Angst und von Mameluckenhaftigkeit ist, des Mannes nicht zu gedenken, der so viel für Rußland getan hat. Wenn der ganze ›Wochenbericht‹ auf solch unvollständigen Angaben, auf so verfälschten Berichten aufgebaut ist, dann taugt er nichts. Und verdient keinerlei Glauben.

Parteidisziplin ist eine sehr schöne Sache, und wir fordern, dass der aktive Politiker sich ihr auch dann fügt, wenns schwer erscheint. Byzantinische Geschichtsfälschung aber ist immer ein böses Ding, und die Russen hätten allen Anlaß, bei der Wahrheit zu bleiben.

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 08.05.1928, Nr. 19, S. 731.





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