Politische Couplets


Deutschland hat keine großen politischen Coupletdichter hervorgebracht. 1848 nicht und heute nicht und noch niemals. Man müßte denken, dass in einer Zeit wie der jetzigen das politische Lied aus allen Gassen hervorsteigt, aber weit gefehlt. Dieses Volk leitartikelt sich seinen Kummer von der Seele, es reimt nicht, wenns um die Wurst geht. (Gereimt, entsetzlich gereimt hat es nur, als damals der Krieg ausbrach, aber daran wollen wir uns lieber nicht erinnern, so schön war das.) Und heute fehlen uns die politischen Coupletdichter und natürlich auch die Coupletsänger.

Sie fehlen wirklich, aber man kann beide nicht machen: die Dichter nicht und die Sänger erst recht nicht. Sie fehlen, denn das Lied ist ein gutes Ventil, durch das viel Leidenschaft unschädlich verpufft, wenn der Kessel einmal stark geladen ist, und das ist er ja heute. Und künstlich herstellen läßt sich dergleichen nicht.

Das hat sich gezeigt, als das Kriegspresseamt, dessen vergiftende Tätigkeit niemals vergessen sein soll, alle neun Musen (allerdings ohne die Grazien) in den Dienst seiner verderblichen Aufklärungsarbeit stellte: da wurde gedichtet und gemalt, gefilmt und komponiert – und geholfen hat es schließlich doch alles nichts. Denn die Musen sind, alle neun, freundliche und liebreizende Mädchen, aber eines lassen sie sich nicht gefallen: sie schätzen keine Vernunftheirat und wollen um ihrer selbstwillen geliebt sein. Will einer eine Reichsanleihe auflegen, dann mag ers sagen – aber deshalb braucht er noch kein Gedicht zu machen. So ein Gedicht muß – in Haß oder Liebe – aus dem Herzen kommen, und es muß von Apollo und nicht von der Furcht diktiert werden, die Reklamation könne eines bösen Tages aufhören. Man riecht das solchen Poemen gleich an, dass sie nur eine Ermahnung in Versen sind, und nun wirken sie nicht. (Das ist auch, beiläufig, der Grund, warum die gesamte Antibolschewistenpropaganda ins Wasser fällt: sie arbeitet mit falschen Mitteln.) Aber haben wir denn keine politischen Coupletsänger?

Wir haben schon. Aber es ist nicht hübsch, was da ans Rampenlicht kommt. Der einzige Otto Reutter hat wenigstens Charme und will schließlich nicht mehr, als die Leute aufheitern und hier und da ein wenig zum Nachdenken bringen. Einer bestimmten politischen Richtung hat er sich nicht verschrieben, denn – –

Die Zensur, nicht wahr? Und die Behörden, die Schwierigkeiten machen, wie? Ach! das war einmal eine bequeme Ausrede, denn heute funktioniert der einst so viel zitierte Rotstift des Herrn v. Glasenapp nicht mehr, und –? Und?

Es ist alles beim alten.

Das liegt daran, dass die härteste und unerbittlichste deutsche Zensur gar nicht in dem Amtszimmer der Behörden sitzt, sondern im Parkett. Mitten im Parkett sitzt sie rund und dick und erlaubt keinem Künstler, der da oben sein Liedel bläst, auch nur einen Finger breit von der herkömmlichen Linie abzuweichen.

Nun ist das eine traurige Angelegenheit: der Mittelstand, der Bürger ist empört und in seinen heiligsten Gefühlen verletzt, wenn einer da oben etwa wagen würde, anderer Meinung als er zu sein – Radikalismus duldet er nicht im Varieté und verzeiht ihn seinem Sänger nie. Der Arbeiter ist vielleicht toleranter, aber er ergötzt sich leider, leider immer und heute noch an Dingen, die ja von seinem Standpunkt aus sehr gesinnungstreu sein mögen, die aber an Stärke des Kitsches einem besseren Kriegervereinskaisergeburtstagstheaterstück nichts nachgeben. So geht es nicht.

Wir müssen endlich, endlich ein politisch reifes und mündiges Volk werden. Wir müssen endlich, endlich – nach so vielen Jahren behördlicher Bevormundung und artiger Haltung – lernen, dass ein Theater der gesamten Öffentlichkeit gehört, und dass ein Coupletsänger das Recht hat, ein monarchistisches Lied vorzusingen, und ein anderer mag ein ultrarevolutionäres bringen – jeder seins. Wems nicht paßt, der braucht nicht hinzuhören und nicht hinzugehen. Aber es ist kindisch, auf die Coupletsänger einen so großen moralischen Druck auszuüben, dass ihnen die Lust und der Wagemut zu einer politischen Stellungnahme überhaupt vergeht, so dass sie nun das dünne und farblose Zeug vortragen, das wir heute anzuhören haben.

Denn wie dürftig ist das alles! Ein lauer und flauer Witz auf Ebert und auf Scheidemann, die Räteregierung, die ›sich keinen Rat weiß‹, eine Anspielung auf die Tatsache, dass die Lebensmittel noch immer teuer und rar sind – das sind so die wesentlichen Themen der Varietépolitik. Und das ist schade, denn der Bühnenboden ist ein guter Boden, auf dem manche Frucht reifen könnte.

Und haben wir denn keinen, keinen, der Temperament und Kraft genug hätte, die Massen hinzureißen? Wir haben einen, und dieser eine ist eine Frau.

Frankfurt hat zwei große Männer hervorgebracht: Goethe und Gussy Holl. Diese seltene und prachtvolle Frau wäre wie keine zweite deutsche Künstlerin befähigt und berufen, die große politische Sängerin zu werden. Sie ist kein Kind des Volkes, es ist nicht seine elementare Kraft, mit der sie fortreißt. Es ist Kunst, aber eine von der stärksten und sieghaftesten Sorte. Sie kann alles: hassen und lieben, streicheln und schlagen, singen und sprechen, – da ist kein Ton, der nicht auf ihrer Leier wäre. Sie kann machen, daß aller Herzen denselben Takt schlagen, – sie singt irgendeine kleine Dummheit, und die Leute bekommen weiche Augen –, sie lacht, und eine unbändige Heiterkeit breitet sich aus. Ich sehe hier ganz ab von ihrer fabelhaften Kunst des Parodierens, von ihrer Fähigkeit, auch die gewagtesten Dinge mit einem graziösen Sprung zu überflitzen, – uns interessiert hier nur die Künstlerin, die einem dichtgefüllten Saal voller politisch denkender Menschen mehr zu sagen hätte, als zehn Leitartikler. Wenn – –

Ja, wenn sie eben Texte hätte. Wer schreibt ihr die? Es ist politisch unklug, einen solchen Schatz ungehoben verkümmern zu lassen. Und es ist, künstlerisch, bedauernswert, diese strahlende Blondheit nicht einmal voll entfaltet sehen zu können: eine seltene Vereinigung von Humor und Geschmack, von Kunst und herrlichem, unbekümmertem Leben, ein Nervenbündel und eine grazile Frau, ein Wille, ein Witz, eine Leidenschaft und ein ganzer Kerl!

 

 

Ignaz Wrobel

Berliner Tageblatt, 12.05.1919, Nr. 213.





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