Christian Wagner


Der Dreiundachtzigjährige ist im vorigen Jahre gestorben; und wenn Hermann Hesse nicht seine Gedichte (bei Georg Müller) herausgegeben hätte, wüßten wir gar nichts von ihm. So aber wissen wir alles. Nur: die Deutschen lesen solche deutschen Gedichte nicht.

Kurt Hiller hat einmal von der Lyrik gesagt, es sei unausstehlich, wenn ein Mann, der Husserl studiere, sich in seinen Gedichten künstlich zurückschraube und den naiven Toren spiele. Das ist ganz richtig. Aber wie, wenn ein Mann, der nie Husserl gelesen hat, intuitiv weit über Forschungsergebnisse hinausgeht und tastend und ahnend das berührt, was der Psychologe – der schon gar nicht – niemals erreicht? Denn das scheint mir das Wesen der Lyrik zu sein: nicht Erkenntnisse zu vermitteln, überhaupt nicht in der zufällig gewählten Form eines Gedichts ein Resultat zu liefern, das man ebenso gut oder noch besser in einem Essay hätte niederlegen können – sondern eben in dieser einzig möglichen Form etwas zu geben, das keine andre Form und keine andre Wortfolge zu geben vermag: Erkenntnis und, fußend auf dieser Erkenntnis, die Schwankungen der Seele, die man Gefühle nennt.

Das hat Christian Wagner getan. Aus seinen Büchern, die höchst ungleich sind – das Große steht unmittelbar neben dem fast Dilettantischen –, hat Hesse die schönsten Gedichte herausgesucht. Es fehlt wohl keines. Gleich, wenn man das Buch aufschlägt, hallen wie drei tiefe Töne machtvoll die ersten Versfolgen auf einen ein: ›Spätes Erwachen‹, ›Freudenglaube‹ und ›Im Walde‹. Das sind keine Töne, die wir zu hören gewohnt sind. Es handelt sich natürlich nicht in einem Gedichtband um die Versehen – jeder kann das mehr oder weniger, und außerdem ist damit gar nichts getan –, aber: Was weiß dieser Mann? Was fühlte er?

Er fühlte: das All. Nicht diesen verschwommenen Pantheismus, von dem schon Schopenhauer gesagt hat, dass er gar nichts sei, denn ob ich Gott leugne oder in jedem Lokalanzeigerblatt finde, kommt auf dieselbe Trivialität heraus – er fühlte die tiefe Zusammengehörigkeit zwischen Tier, Mensch und Pflanze, Stein und Stern. Und er liebte das alles. Aber wiederum nicht mit dieser verzückten Krampfigkeit, die man uns aus Prag her zu importieren versucht hat, und die zu nichts verpflichtet, sondern er liebte das alles ernst und nicht unterschiedslos und im Einzelnen das Ganze, er ahnte, dass die Erscheinung nicht das Ding ist, und dass nie und nimmer der Mensch etwa im Mittelpunkt dieses Treibens stehen könnte. Er war – dogmenlos – fromm.

Und weil er ein Deutscher war und die ewige Musik in sich hatte, sind ihm herrliche Verse geglückt – das ist ja erst ein Zweites –, und wenn sich Erkenntnis und Form vereinigten, dann entstand ein Kostbarkeit, die, hebbelsch grübelnd und voller Liebe die Welt umfassend, uns jäh erschüttert wie ›Die Geschlechter‹:

 

Ist dies nicht ein frevles Schicksalswalten,

Menschtum in zwei Teile zu zerspalten?

 

In zwei blutige Hälften zu zerreißen,

Eine Mann, die andre Weib zu heißen?

 

Beide voll von heißem Sehnsuchtsdrange,

Sich zu finden auf des Lebens Gange,

 

Ich dem Ich zur Opfergab zu bringen?

Ach wie wenigen, wenigen mags gelingen,

 

Ohne Losung, Fährten oder Spuren

Sich zu finden auf des Lebens Fluren!

 

Selige Kindheit, die nicht kennt die Wirren,

Nicht der Liebe grausam töricht Irren!

 

Selige Blume, die nichts weiß vom Fluche

Lebenslanger und vergebner Suche!

 

Er erkannte den tiefen Riß, der durch die Menschheit geht, er erkannte den Schmerz dieser Amphibien, die keine Tiere mehr und noch keine Götter sind – und er liebte es doch, immer wiederzukehren. Denn unerschütterlich war sein Glaube an die Wiederge-burt. Man mag das nun für belanglos halten oder nicht: dichterisch schön ist jeder tiefe Glaube, wenn er fest im Manne wurzelt, und wenn der so tief glaubt, dass man – um diesen Glauben auszurotten – ihn töten müßte. Er hat eine ›Totenfeier‹ gedichtet, in der die Kinder durch Willenskonzentration den Geist der abgeschiedenen Mutter beschwören, der sich noch einmal an ihren Tisch setzt und von ihrem Weine nippt – der schönste Ausdruck einer herzlichen Liebe über den Leib hinaus. Er hat eine ›Geburtsweihe‹ gedichtet, den kleinen Sohn zu begrüßen, der wiederkommt »nach der frommen, süßen Rast« – so fest wurzelt in ihm der Glaube, dass es nur ein Aufenthalt ist, den das Kind hienieden nimmt. Und diese Verse sind so schlicht und doch sicher und tönend wie ein Lied. »Herbstwiese meiner Seele« fängt ein Gedicht an. Der Strauß, der neben dem Krankenbett steht, ist ein Symbol von Lebensfreude und Lebenskraft. Es strotzt von Leben. Er war kein Mönch.

Viele Gedichte sind in langen, seltsamen Zweizeilern gereimt, kaum sind die Nähte zu sehen, und wenn ein Gedicht geglückt ist, ist es ganz geglückt.

Ich habe aber bis zum Schluß dieses Gedenkens nicht sagen wollen, dass der Dichter ein Bauer war, weil falsche Assoziationen entstehen könnten. Er war allerdings ein Landmann; er hat die Natur gekannt, aber das Hälmchen war ihm kein Anlaß, »Duliöh!« zu schreien oder ein knallig angestrichenes Gemüt leuchten zu lassen. Er war ein in sich gekehrter Künstler und wohl wert, dass wir ihn alle läsen und verehrten.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 13.02.1919, Nr. 7, S. 182.





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