Christa Anita Brück,
›Schicksale hinter Schreibmaschinen‹


So – nun einmal nicht Krieg. Wenigstens keinen uniformierten.

Christa Anita Brück. ›Schicksale hinter Schreibmaschinen‹ (erschienen im Sieben-Stäbe-Verlag in Berlin). Die Angestelltenfrage ist durch das Buch Kracauers ›Die Angestellten‹, auf das ich noch zu sprechen kommen werde, in Bewegung gekommen. Die Spezialisten toben wild umher – sie haben Jahrzehnte verschlafen, und nun kommt da so ein Außenseiter! Während doch sie das gesamte Propplem gepachtet haben ... Gott segne sie.

Die Frau Brück hat der liebe Gott leider nicht gesegnet. Diese Angestelltengeschichte ist ein Schmarrn. Aber es ist gut, die Nase in so etwas hineinzustecken – man lernt viel. Nicht, was die Verfasserin uns lehren will; das ist dummes Zeug. Ihre Heldin ist edel, hilfreich und gut ... drum herum gibt es viele Neider und Feinde ... das muß ich schon mal irgendwo gehört haben. Und im übrigen: die dumme Liebe! Es sind und bleiben Einzelschicksale; ein Kollektivschicksal wird nicht dadurch gestaltet, dass man von Zeit zu Zeit durchblicken läßt, so ergehe es andern auch ...

Also aber spricht die Dichterin: »Der akkurateste Scheitel, die blankpoliertesten Fingernägel, der neumodischste Schlips, die gelbsten Handschuhe, die man sich denken kann, ein goldenes Kettchen ums Handgelenk, immer nach Eau de Cologne duftend, fünfundzwanzig Jahre alt, das ist Pehlke, der Sohn eines Kellners.« Hört ihr, was dabei in der Stimme der kleine Bürgerin zittert? Ein Kellner! Der Sohn eines Kellners! Sie sollte sich ja nicht über Max lustig machen, der eine Mark mehr bekommt und sich ›Expedient‹ nennen darf – darauf fallen alle die herein, die den Sohn eines Kellners für ein Ding dritter Ordnung halten. Und sie dürfen sich dann nicht wundern, die Angestellten, Verzeihung: die Herren Angestellten, wenn der Chef sich auf Seite 148 also gibt: »Sind Sie verrückt geworden?« brüllt er. »Sie haben nicht Ihresgleichen vor sich. Sie stehen vor Ihrem Chef!« Und die ganze Mediokrität, das ganze kümmerliche, wehrlose Angestelltenproletariat, das nicht von seiner falschen Bürgerlichkeit lassen kann, spricht aus dem nächsten Absatz: »›Allerdings‹ – ich finde ein eisiges Lächeln, ich würde mir niemals einfallen lassen, diesen – Chef mit meinesgleichen zu verwechseln.« Und nun ist der Chef ja wohl besiegt.

Also: Fräulein Gretchen Piefke als feine Dame, mit 185 Mark monatlich. Aber feine Dame. Unbrauchbar, das Buch. Ein Hilfsmittelchen, die Seele der Angestellten zu erkennen. Es gibt auch andre, ich weiß. Immerhin, und das haben wir bei Kracauer gelernt und nicht bei den geschäftigen Gewerkschaftsbonzen, die dem Angestellten schmeichelnd etwas vorlügen, wenn sie ihm keinen bessern Tarif herausschinden können, weil der Angestellte nicht kämpft –: immerhin ist dieses Bewußtsein ein reales Faktum, das heute noch stärker ist als die Klassenlage. Es wird schon ein strenger Marxist kommen und uns erzählen, dass das im Marxismus vorgesehen sei. Darauf kommt es nicht an. Es kommt vielmehr darauf an, die Angestellten zu wecken und ihnen nicht nur Versprechungen zu geben. Wenn sie sich nichts vom Marxismus, wenig vom Sozialismus und alles von einer evolutionären Reform versprechen –: an wem liegt das?

So spät ist es ... dreivierteldrei. Die Uhr steht! Gottverdammich! Da soll doch den Uhrmacher – Da soll doch den Uhrmacher der Schreibmaschinenmann holen und den der Badestubenmann und den der elektrische Mann und den der Gasmann und alle zusammen – ich muß mich so ééérgern. Es ist wirklich spät, der Mond steht hinter den Tannen; dann ist es spät. So hören die alten Romane auf ... Da wollen wir mal rasch einen rumschlafen. Gute Nacht!

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 23.12.1930, Nr. 52, S. 940.





 © textlog.de 2004-2017 •
Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright