Maurice Chevalier


Der pariser Revuestar ist nun glücklich nach Amerika abgefahren. Winke, winke ... !

Sie haben ihm im »Claridge« ein großes Abschiedsdiner gegeben, mit feierlichen Reden und fröhlichem Rundgesang, und Herr Chevalier, dessen Namen man nicht verdeutschen soll, weil er dann Moritz Ritter hieße, hat einen Film laufen lassen, in dem er selbst auftritt, und er ist dazu hinter die Leinewand gegangen und hat – Marke: »Tonfilm« – zu seinem eigenen Bild gesungen, und alle sind sehr zufrieden gewesen. Nur wir nicht.

Weil nämlich neunundneunzig zu hundert zu wetten sein wird, dass dieses Experiment schiefgehen wird wie tausend andere vor ihm. Amerika entwurzelt die volkstümlichen Talente Europas, und das bekommt nicht jedem. Es ist noch gar nicht gesagt, dass das, was in Paris oder Berlin oder London gefällt, nun auch für die amerikanische Welt Geltung habe – wenn auch Paris heute noch den Geschmack der Welt maßgebend bestimmt. Wer sich hier durchsetzt, der kann schon auf eine gewisse internationale Geltung hoffen. Aber nicht immer.

Chevalier wurzelt mit seinen langen Beinen so fest in Paris wie Paule Graetz in Berlin, und wenn so einer nach Amerika herüberkommt, dann kann es geschehen, dass sich zum Schluß die Herren Unternehmer mit langen Gesichtern ansehen und sprechen: »Nanu? Da hat doch einer dran gedreht –?«

Die einzigen aber, die wirklich daran gedreht haben, sind sie selber, sie, die da glauben, man könne alles kaufen. Man kann nicht alles kaufen. Es ist schon schwer, tschechische Nationalspeisen und Münchener Bier und die kleine Weiße mit 'n Schuß zu exportieren – viel schwerer aber ist es, vorher zu wissen, ob das anderswo auch schmeckt! In den allermeisten Fällen machen die Leute ein Gesicht und sagen: »Das ist alles –?«

Luft kann man nicht exportieren, Licht nicht, Atmosphäre nicht- Berlin bleibt Berlin, Paris Paris. New York New York – da gibts nichts.

Die Amerikaner kaufen ein bißchen wahllos ein: alte Ruinen, junge Regisseure und mittlere Kunst, und die Gekauften wären ja schön dumm, wenn sie das nicht ausnützten. Aber wenn in Amerika eine neue Generation ans Ruder kommt, wird sie hoffentlich einsehen, dass ungebildete Geldraffer nicht das richtige Sieb sind, durch das man Europas Waren laufen lassen kann. Tran schmeckt nur bei den Eskimos gut, und wer sich zu viel »herüberholt«, beweist nur, dass er selber nichts hat.

 

 

Peter Panter

Tempo, 16.10.1928.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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