Chauve-Souris in Paris


In Berlin hatte man uns immer gesagt: »Der ›Blaue Vogel‹ –? Ja, das ist ganz hübsch und nett, aber da müßten Sie erst mal die Mama dazu sehen, die ›Fledermaus‹ des Herrn Balieff!« Gesagt, getan – die »Fledermaus« gab ein Gastspiel in Paris, und nun haben wir sie gesehn.

Es soll vorkommen, dass Kinder hübscher sind als ihre Eltern, und wenn der »Blaue Vogel« eine Nachahmung ist, dann ist er eine ganz ausgezeichnete, die das Original um das Vielfache übertroffen hat.

Da ist zunächst der Herr Balieff, eine dicke alte Winterfliege, die in grauslichem hartem Französisch gern so viel Charme haben möchte, wie Jushny mühelos entwickelt. Welche Schwere! Welche dummen Witze! Die Leute lachten, doch von dieser silberhellen, feinen, beschwingten Stimmung wie im »Blauen Vogel« war nichts zu merken.

Es stiegen die vierzehn Bilder des Programms. Ja, es war alles sehr schön, bunt und gut gemalt. Aber die wild gewordenen Komparsen, die sich da oben dressiert tummelten, erstarrten zu lebenden Bildern, ein automatenhafter Ablauf war zu sehen, zerspielt und zerpinselt schwanden die schönen Chansons dahin ... Gewiß, manches war sehr hübsch: »Amour et Hierarchie« war eine kleine Verspottung der Soldaten: wie da immer ein Vorgesetzter vom Nächsthöhern verdrängt wurde, wenn er der Geliebten auf dem Stadtplätzchen die Kur schnitt; »La Grande Opera Italiana« war reizend – die Herrn Actörs und Damen Actricen sangen zu wild bewegter Musik nur musikalische Ausdruckszeichen: »Ritardando« sangen sie und: »Con espressione«. Und so gab es noch manches hübsche Bild.

Aber im großen ganzen war es doch ungemütlich. Die Art wird am besten bezeichnet, wenn man sagt: es ist eine Kunst der reichen Leute. An keiner Stelle und nach keiner Richtung hin anstößig, zu nichts verpflichtend, bunt, teuer, gut parfümiert – also genau das, was ein tüchtiger Hotelportier den Herrschaften nach dem Diner empfehlen kann (»Es war leider nur noch Loge da –!«). Keine Ironie und keinerlei Bosheit, keine Skepsis und keine Schattenseite – alles eitel Glück und Milchschokoladenplakat. Wer das nun in Berlin gemacht hat: Herr Jushny oder Herr Jarosy, die Maler oder die Regisseure oder alle zusammen: als die kleinen Soldatenmarionetten nach der herzbewegenden Melodie »Freu dich, Fritzchen!« ihre Parade abtrippelten – in Paris haben wir uns nicht gefreut.

Und Herr Morris Gest, der die amerikanische Tournee der »Fledermaus« arrangiert hat, muß ein sehr geschäftstüchtiger Herr und der Amerikaner im Parkett ein sehr naiver Mann sein – für uns ist da nicht viel. Gest prangt im Programm genauso, wie man ihn sich vorgestellt hat, Nabel und Mutterkuchen dieser gleichgültigen Mama eines so netten Kindes.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 04.01.1927, Nr. 1, S. 33.





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